Semperit im Datencheck: dieselbe ADAC-Note wie Continental, 20 Euro weniger
Semperit klingt nach Alpen, Schnee und solider Handwerksqualität, und die Marke pflegt dieses Bild seit über einem Jahrhundert. Hinter dem österreichischen Traditionsnamen steht allerdings ein deutscher Weltkonzern: Continental. Was davon für Ihren Reifenkauf zählt, lässt sich nicht aus der Markengeschichte ableiten, sondern nur aus Zahlen. Wir haben deshalb am 12. September 2026 unser komplettes Semperit-Sortiment erhoben, Knoten für Knoten gegengezählt und am Ende 489 lieferbare Ausführungen in 167 Größen und 14 Modellreihen auf dem Tisch gehabt. Dazu kommt ein unabhängiger Test, in dem Semperit gegen die eigene Konzernmutter antrat, und eine Markengeschichte, die in vielen Ratgebern falsch datiert wird. Das Ergebnis zeichnet ein deutlich schärferes Bild als die übliche Formel von der „soliden Mittelklasse“.
1906, nicht 1824: Woher die Marke wirklich kommt
Fast jede Darstellung der Semperit-Geschichte beginnt mit Johann Nepomuk Reithoffer, der 1824 in Wien eine Kautschukfabrik gründete, laut Unternehmensgeschichte die älteste ihrer Art in Europa. Das stimmt, ist für die Reifenmarke aber die falsche Wurzel: Reithoffers Betrieb kam erst 1923 zum Konzern. Der Markenname selbst hat einen anderen Vater. Ihn ersann der aus Ungarn stammende Fabrikant Josef Miskolczy, dessen 1898 gegründete Gummiwarenfabrik in Traiskirchen 1909 in Semperit Gummiwerke GmbH umbenannt wurde. Verwendet wurde der Name seit 1906, und er ist eine Marketingschöpfung mit lateinischem Kern: „semper it“ heißt „es geht immer“ (Quelle: Semperit bei Wikipedia).
Diese Jahreszahl ist keine Erbsenzählerei, denn der Hersteller selbst rechnet genauso. Die Fachzeitschrift Reifenpresse.de berichtete am 8. April 2026, dass die Marke in diesem Jahr ihr 120-jähriges Bestehen feiert, seit 1906 eigenständig in der Region Europa, Naher Osten und Afrika geführt wird und seit 1985 zur Continental-Gruppe gehört (Quelle: Reifenpresse zum Semperit-Jubiläum). 2026 minus 120 ergibt 1906, nicht 1824 und auch nicht 1912. Wer die Marke über die Reithoffer-Fabrik datiert, macht sie zweiundachtzig Jahre älter, als ihr eigener Eigentümer sie rechnet.
Der für Autofahrer entscheidende Einschnitt kam Mitte der 1980er-Jahre. Die Reifensparte wurde 1983 als eigenständige Gesellschaft aus dem schwer angeschlagenen Semperit-Konzern herausgelöst und 1985, als sie wieder Gewinne schrieb, von der Creditanstalt an den Konkurrenten Continental verkauft. Continental sagte damals eine Bestandsgarantie über zehn Jahre zu und gewann im Gegenzug etwas, das heute kaum noch jemand weiß: Semperit lieferte 60 Prozent seiner Produktion nach Japan und öffnete dem Käufer damit einen schwer zugänglichen Markt. Mit dem EU-Beitritt Österreichs fiel dieser Vorteil weg. Welche Reifenmarke heute zu welchem Konzern gehört, ordnen wir im Überblick über die Besitzverhältnisse der Reifenmarken ein, und wie die Konzernmutter selbst aufgestellt ist, steht im Porträt Continental als Hauptmarke.
Der Tag, an dem in Traiskirchen der letzte Reifen lief
Über das Ende der österreichischen Fertigung kursieren zwei Jahreszahlen, und die häufiger genannte ist die falsche. Für die Reifenmarke zählt 2002: In diesem Jahr baute Continental die Maschinen in Traiskirchen ab und verlagerte die Fertigung nach Tschechien. Die Fachpresse begleitete den Abtransport im April 2002 ausführlich, rund 700 Belegschaftsmitglieder verabschiedeten die ersten Maschinen mit einem Pfeifkonzert (Quelle: Reifenpresse über den Maschinenabbau). Was 2009 und 2010 folgte, war nur noch das Nachspiel: Im Juni 2009 erfuhren die verbliebenen Mitarbeiter, dass auch die Mischungsherstellung eingestellt wird, und im Sommer 2010 verließen die letzten dreißig Beschäftigten das Werk (Quelle: Reifenpresse zum Ende in Traiskirchen).
Wer also liest, das Werk sei „Ende 2009 geschlossen“ worden, bekommt das Datum der Gummimischerei genannt und hält es für das Ende der Reifenfertigung. Zwischen beiden liegen sieben Jahre. Für Sie als Käufer folgt daraus vor allem eines: Ein Semperit-Reifen, den Sie heute kaufen, ist unter keinen Umständen ein österreichisches Produkt, auch wenn Markenname und Bildsprache das nahelegen. Die Marke ist österreichisch, die Fertigung ist es seit fast einem Vierteljahrhundert nicht mehr.
Wo genau heute produziert wird, lässt sich seriös nur im Einzelfall sagen, weil Continental keinen markenbezogenen Werksplan veröffentlicht. Belegt sind einzelne Punkte: die Verlagerung nach Tschechien 2002, das slowakische Werk Púchov, in dem nach einem Reifenpresse-Bericht von 2013 neben Matador auch Semperit vom Band läuft, und ein in Portugal gefertigtes Testexemplar, das der ADAC 2023 dokumentierte und das wir im Beitrag Speed-Life 3 im Sortimentscheck ausgewertet haben. Verlässlich Auskunft gibt am Ende nur der Reifen selbst: Die DOT-Nummer auf der Flanke nennt das Werk. Wie Sie sie entziffern, erklärt der Ratgeber DOT-Nummer und Reifenalter ablesen. Die konzerninterne Verwandtschaft mit Matador als günstigster Konzernmarke und Uniroyal als Regenspezialist hat übrigens denselben Ursprung: geteilte Werke, geteilte Entwicklung, getrennte Preisschilder.
Was 489 Ausführungen über die Marke verraten
Für diesen Marken-Check haben wir das Sortiment nicht stichprobenartig angesehen, sondern vollständig erhoben. Der Kontrollwert der Katalogabfrage lag bei 489 Ausführungen, eingesammelt wurden 489 — jeder Teilausschnitt wurde nach Saison, Zoll, Breite und Höhe weiter zerlegt und auf jeder Ebene gegen die Trefferzahl desselben Knotens gegengezählt, bis beide Zahlen übereinstimmten. Alle 489 sind lieferbar.
Die Grobstruktur beantwortet gleich die Frage, ob das Winter-Image der Marke mehr ist als Folklore. 186 Ausführungen sind Winterreifen (38,0 Prozent), 171 Sommerreifen (35,0 Prozent) und 132 Ganzjahresreifen (27,0 Prozent). Der Winter ist damit tatsächlich die größte Säule, wenn auch knapper, als die Markenerzählung vermuten lässt. Nach Regal sortiert entfallen 421 Ausführungen auf Pkw, 64 auf Transporter und gerade einmal vier auf Offroad — drei Winterreifen und ein Sommerreifen, kein einziger Ganzjahresreifen. Semperit ist keine SUV-Marke, und wer für ein Geländefahrzeug sucht, wird hier nur zufällig fündig; passendere Auswahl finden Sie unter Winterreifen für Offroad-Fahrzeuge.
Die Größenabdeckung reicht von 13 bis 21 Zoll, mit klarem Schwerpunkt auf 16 Zoll (108 Ausführungen), 17 Zoll (91), 18 Zoll (74) und 15 Zoll (72). Die 13- und 21-Zöller sind mit je sieben Ausführungen Randerscheinungen. Am dichtesten besetzt ist die Massengröße 205/55 R16 mit zwölf Semperit-Ausführungen. Preislich liegt der Median bei 108,70 Euro, zehn Prozent des Sortiments kosten weniger als 65,34 Euro, zehn Prozent mehr als 156,74 Euro. Der günstigste Reifen der Marke ist der Comfort-Life 2 in 185/65 R14 für 37,30 Euro. Dass kleine Größen generell eine dünnere Auswahl haben, ist kein Semperit-Problem, sondern ein Marktmuster, das wir im Beitrag Kleine Reifengröße, kleine Auswahl nachgerechnet haben.
Der Beleg für die Wintermarke: dieselbe Note wie Continental
Markenversprechen lassen sich nur mit unabhängigen Messungen prüfen, und für Semperit gibt es eine sehr aussagekräftige. Im ADAC-Winterreifentest in der Kleinwagengröße 185/65 R15 88 T, veröffentlicht am 27. September 2022, traten sechzehn Modelle auf einem VW Polo gegeneinander an. Vier davon bewertete der ADAC mit „gut“, und die Reihenfolge an der Spitze ist bemerkenswert: Continental WinterContact TS 870 für 100 Euro mit der Note 2,2, Goodyear UltraGrip 9+ für 96 Euro mit 2,2, Semperit Speed-Grip 5 für 80 Euro mit 2,2 und Michelin Alpin 6 für 99 Euro mit 2,3 (Quelle: ADAC-Winterreifentest 185/65 R15).
Die Zweitmarke erreichte in diesem Test also exakt dieselbe Gesamtnote wie die Hauptmarke desselben Konzerns, und zwar für zwanzig Euro weniger je Reifen. Noch deutlicher wird die Aussage durch den dritten Continental-Namen im selben Feld: Der Barum Polaris 5 kostete mit 79 Euro praktisch dasselbe wie der Semperit und landete mit der Note 3,9 auf dem drittletzten Platz vor zwei durchgefallenen Billigmodellen. Drei Marken, ein Konzern, Noten von 2,2 bis 3,9. Das Wort „Zweitmarke“ sagt für sich genommen also gar nichts über die Qualität aus — es beschreibt eine Preisposition, kein Leistungsniveau. Wie groß der Namensaufschlag innerhalb der Konzernfamilien im Schnitt ist, haben wir an 95 Preispaaren im Beitrag Was der Markenname beim Winterreifen kostet nachgerechnet.
Der Blick in die Teilnoten zeigt, woher die 2,2 kommt, und er trifft genau den Markenkern. Der Speed-Grip 5 bekam auf Schnee die Note 2,0 und damit laut ADAC die beste Schneebewertung des gesamten Testfelds; bei Nässe stand er auf 2,3, auf Eis ebenfalls auf 2,3, im Trockenen auf 2,5. Dazu kamen 2,0 beim Verschleiß, 2,6 bei Geräusch und Komfort und 1,7 beim Kraftstoffverbrauch — die beste seiner sieben Einzelwertungen. Die alpine Erzählung der Marke ist damit an genau der Stelle belegt, an der sie behauptet wird. Wie der ADAC solche Tests überhaupt aufbaut und warum die Gewichtung der Teilnoten über das Ergebnis entscheidet, erklären wir in Verdeckt gekauft, anonymisiert, eingefahren und im Vergleich der Prüforganisationen unter Sechs Reifentester, vier Messreihen.
Getestet und bestellbar: hier ist es dieselbe Ausführung
Bei Testergebnissen bleibt meist offen, ob der geprüfte Reifen überhaupt dem entspricht, was Sie kaufen können. Hier lässt sich die Frage sauber beantworten. Der ADAC prüfte die Ausführung 185/65 R15 88 T und weist für sie das EU-Reifenlabel in der Schreibweise D/B/71 aus, also Effizienzklasse D, Nasshaftungsklasse B und 71 Dezibel (Quelle: ADAC-Datenblatt zum Speed-Grip 5). Genau diese Ausführung führen wir als Speed-Grip 5 in 185/65 R15 88T, und ihr Label lautet bei uns Nasshaftung B, Effizienz D, 71 Dezibel. Das ist dieselbe Angabe in anderer Reihenfolge. Getesteter und bestellbarer Reifen sind damit belegbar dasselbe Produkt, und das Testergebnis gilt eins zu eins.
Der Preis hat sich seither zu Ihren Gunsten bewegt: Im Test kostete der Reifen 80 Euro, heute steht er bei 57,53 Euro. Diese beiden Zahlen gehören allerdings nicht nebeneinander in eine Rechnung. Die 80 Euro sind der Marktpreis von 2022 und der Maßstab, an dem der ADAC die Konkurrenz gemessen hat; die 57,53 Euro sind unser heutiger Preis. Die Preise der damaligen Mitbewerber haben sich ebenso bewegt, ein Vergleich über vier Jahre hinweg wäre also schief.
Ein Detail dieses Datenblatts verdient besondere Aufmerksamkeit, weil es eine verbreitete Fehlannahme zerlegt. Der getestete Reifen trägt beim Rollwiderstand die Labelklasse D — und bekam vom ADAC beim gemessenen Kraftstoffverbrauch mit 1,7 seine beste Einzelnote. Labelklasse und Testmessung widersprechen sich hier nicht, sie messen schlicht Verschiedenes: Das Label beruht auf einem genormten Typprüfverfahren für den Rollwiderstand, der Test auf einer eigenen Verbrauchsmessung am Fahrzeug. Warum das Label allein für eine Kaufentscheidung nicht reicht, aber auch nicht wertlos ist, erklärt der Ratgeber EU-Reifenlabel oder Reifentest; was die drei Werte im Einzelnen bedeuten, steht in EU-Reifenlabel richtig lesen.
Das Label über das ganze Sortiment: stark bei Nässe, schwach beim Rollwiderstand
Ein einzelner Test deckt eine Größe ab, das EU-Label deckt alles ab. Über alle 489 Ausführungen ergibt sich ein ungewöhnlich klares Muster, und es hat zwei Seiten. Bei der Nasshaftung verteilt sich das Sortiment auf 255-mal Klasse B (52,1 Prozent), 213-mal Klasse C (43,6 Prozent) und 21-mal Klasse A (4,3 Prozent). Entscheidend ist, was fehlt: Keine einzige Semperit-Ausführung trägt Nasshaftung D oder E. Die beiden schlechtesten Klassen, die im Gesamtmarkt durchaus vorkommen und über die wir im Beitrag Nasshaftung D und E geschrieben haben, sind bei dieser Marke schlicht nicht vertreten. Für eine Zweitmarke ist das eine ordentliche Untergrenze.
Bei der Effizienz kippt das Bild in die andere Richtung. Klasse A kommt im gesamten Sortiment kein einziges Mal vor, Klasse B nur 21-mal (4,3 Prozent). 349 Ausführungen stehen auf C (71,4 Prozent), 96 auf D (19,6 Prozent) und 23 auf E (4,7 Prozent). Fast ein Viertel des Sortiments liegt damit in den beiden ungünstigsten belegten Rollwiderstandsklassen. Die Kombination aus beidem ist die ehrlichste Kurzfassung der Marke, die sich aus Daten gewinnen lässt: Semperit spart beim Rollwiderstand, nicht beim Nassgriff. Folgerichtig gibt es im gesamten Sortiment keine einzige Ausführung mit der Doppel-Bestnote A für Nässe und Effizienz zugleich. Das Abrollgeräusch bewegt sich eng zwischen 70 und 75 Dezibel bei einem Median von 72.
Wo die 21 Effizienz-B-Ausführungen sitzen, ist ebenfalls aufschlussreich: zwölf beim Winterreifen Speed-Grip 5, sieben beim Ganzjahresreifen Allseason-Grip 2 und zwei beim Speed-Life 3 — also fast ausschließlich in den beiden jüngsten Modellreihen. Am anderen Ende stehen die kleinen und die schweren Reifen. Beim Kleinwagen-Winterreifen Master-Grip 2 tragen 24 von 24 Ausführungen ein D oder E bei der Effizienz, beim Transporter-Winterreifen Van-Grip 3 sind es 21 von 21. Dass dasselbe Modell je nach Dimension ein anderes Label bekommen kann, ist dabei völlig normal und im Beitrag Warum derselbe Reifen je nach Größe ein anderes EU-Label trägt erklärt.
Die einzige Linie mit lauter A — und warum das kein Wunder ist
Die 21 Ausführungen mit Nasshaftung A verteilen sich nicht zufällig. Siebzehn davon entfallen auf eine einzige Modellreihe: den Transporter-Ganzjahresreifen Van-Allseason, und zwar auf alle siebzehn Ausführungen, die wir davon führen. Die restlichen vier sind große Sportdimensionen des Sommerreifens Speed-Life 3. Umgekehrt bedeutet das: In allen 186 Winterreifen und allen 115 Pkw-Ganzjahresreifen der Marke — zusammen 301 Ausführungen — steht kein einziges A bei der Nasshaftung.
Bevor daraus ein Markenurteil wird, gehört die Gegenprobe dazu, denn eine Auffälligkeit ist nur dann eine, wenn sie vom Üblichen abweicht. Wir haben deshalb das Transporter-Ganzjahresregal markenübergreifend angesehen: In einer Stichprobe von 94 Ausführungen quer durch alle Hersteller trugen 26 die Nasshaftungsklasse A, also 27,7 Prozent, darunter Reifen von Continental, Michelin und Bridgestone. Die A-Wertung des Van-Allseason ist in diesem Regal also normal und keine Sonderleistung. Umgekehrt ist das Fehlen von A bei den Winterreifen kein Semperit-Makel: Nasshaftung A ist bei Winterreifen generell eine Rarität, wie unsere Auswertung Nasshaftung A gibt es bei Winterreifen fast nicht zeigt. Was eine Nasshaftungsklasse im Bremsweg wirklich bedeutet, rechnen wir im Ratgeber Nasshaftung beim Reifen vor.
Für Transporterfahrer bleibt trotzdem ein praktischer Hinweis übrig. Der günstigste Einstieg in die Reihe ist der Van-Allseason in 195/70 R15C für 85,09 Euro; das gesamte Regal finden Sie unter Ganzjahresreifen für Transporter. Ob sich Allwetter am Kastenwagen überhaupt lohnt, haben wir im Beitrag Ganzjahresreifen am Transporter durchgerechnet, und was die C-Kennung auf solchen Reifen bedeutet, erklärt C-Reifen und doppelter Lastindex.
Vom Winterspezialisten zum Ganzjahresanbieter
Die interessanteste Bewegung im Sortiment ist keine Winter-, sondern eine Ganzjahresgeschichte, und sie ist erstaunlich jung. Als der Hersteller im März 2025 die zweite Generation seines Allwetterreifens ankündigte, lag die Markteinführung des allerersten Semperit-Ganzjahresreifens nach Angaben der Fachpresse genau fünf Jahre zurück — die Marke ist in diesem Segment also erst seit etwa 2020 überhaupt vertreten. Die Nachfolgegeneration sie kam im Sommer 2025 in zunächst 35 Größen für Felgendurchmesser zwischen 15 und 20 Zoll in den Handel, je nach Dimension bis 300 km/h freigegeben und beim EU-Label überwiegend mit Nasshaftung B und Rollwiderstand C eingestuft (Quelle: Reifenpresse zur zweiten Allseason-Grip-Generation).
Beide Angaben lassen sich heute am Regal überprüfen, und beide halten. Der Allseason-Grip 2 ist inzwischen auf 63 Ausführungen in 59 Größen von 15 bis 21 Zoll gewachsen, hat die angekündigte Startbreite also deutlich überschritten. Beim Label bestätigt sich die Ankündigung fast exakt: 40 der 63 Ausführungen tragen die Kombination Nasshaftung B, Effizienz C und 72 Dezibel, und alle 63 stehen bei der Nasshaftung auf B — keine einzige fällt auf C zurück. Sieben erreichen sogar Effizienzklasse B, etwa der Allseason-Grip 2 in 235/60 R18. Der Einstieg beginnt beim Allseason-Grip 2 in 195/65 R15 für 66,75 Euro.
Rechnet man die 115 Pkw-Ganzjahresreifen und die 17 Transporter-Ausführungen zusammen, macht die Ganzjahreskategorie heute 132 von 489 Ausführungen aus, also gut ein Viertel des Sortiments — bei einer Marke, die vor sechs Jahren in diesem Segment noch gar nicht vertreten war. Damit folgt Semperit exakt der Marktbewegung, die wir im Beitrag Ganzjahresreifen im Höhenflug beschrieben haben. Ob diese Reifen für Sie die richtige Wahl sind, hängt an Ihrem Fahrprofil und nicht an der Marke; die Abwägung finden Sie unter Ganzjahresreifen für PKW und, falls Sie ein SUV bewegen, in Ganzjahresreifen fürs SUV.
Zwei Generationen im selben Regal: achten Sie auf die Ziffer
Der Preis für diesen schnellen Modellwechsel steht direkt daneben. 76 der 489 Ausführungen, also 15,5 Prozent, sind Vorgängergenerationen, die noch als Restbestände lieferbar sind: 52-mal der ursprüngliche Allseason-Grip, elfmal der Speed-Grip 3, achtmal der Speed-Life 2, dazu einzelne Van-Life 2, Van-Grip 2 und ein letzter Speed-Grip der ersten Generation. Wer nur nach „Semperit Allseason-Grip“ sucht, landet also mit einiger Wahrscheinlichkeit bei einem Auslaufmodell.
Wir haben nachgerechnet, ob sich das lohnt, und dafür streng gepaart: gleiche Größe, gleicher Lastindex, gleicher Geschwindigkeitsindex. Über vier Modellfamilien hinweg ergab das zwölf direkt vergleichbare Paare. In zehn davon ist der Nachfolger günstiger, in den zwei Ausnahmen kostet er 4,13 beziehungsweise 5,75 Euro mehr — bei mindestens gleichwertigem Label. In drei Paaren trägt die neue Generation zusätzlich die bessere Nasshaftungsklasse. Am klarsten zeigt das die Dimension 215/60 R17 mit Index 100V: Der Allseason-Grip in 215/60 R17 kostet 154,20 Euro bei Nasshaftung C, der Allseason-Grip 2 in derselben Ausführung 108,60 Euro bei Nasshaftung B. Sie zahlen also 45,60 Euro mehr für die schlechtere Klasse. In 205/60 R16 mit Index 96V ist das Label identisch, der Preisunterschied aber noch größer: 190,56 Euro für den Allseason-Grip in 205/60 R16 gegen 95,62 Euro für den Allseason-Grip 2 in 205/60 R16.
Zur Ehrlichkeit gehört die Einordnung: Ein Teil dieser Vorgängerpreise sind offensichtliche Einzelstück-Notierungen auslaufender Restgrößen und keine Preispolitik des Herstellers. Genau deshalb ist die Richtung des Musters aussagekräftiger als jeder Einzelfall — und sie zeigt in zehn von zwölf Paaren dieselbe Richtung. Die praktische Regel lautet: Achten Sie auf die Ziffer hinter dem Modellnamen und vergleichen Sie die Generationen in Ihrer Größe direkt. Dass dieses Muster keine Semperit-Eigenheit ist, zeigt unser Beitrag Drei Preisfallen im Reifenregal; was Hersteller beim Generationswechsel am Label tatsächlich verändern, steht in Was Reifenhersteller beim Modellwechsel opfern. Und warum derselbe Modellname überhaupt zwei verschiedene Label tragen kann, erklärt 61-mal derselbe Reifenname, zwei EU-Label.
Die Wahl zwischen Komfort und Sport trifft Ihre Reifengröße
Semperit führt in der Sommer- wie in der Wintersaison jeweils zwei Pkw-Linien, und auf den ersten Blick sieht das nach einer Wahlmöglichkeit aus: der sportlichere Speed-Life 3 neben dem komfortbetonten Comfort-Life 2, der Speed-Grip 5 neben dem kleinformatigen Master-Grip 2. Die Daten sagen etwas anderes. Der Speed-Life 3 deckt 90 Größen ab, der Comfort-Life 2 vierzehn — und die Schnittmenge beträgt null. Beim Winterpaar ist es genauso: 85 Größen beim Speed-Grip 5, 22 beim Master-Grip 2, keine einzige gemeinsame Größe.
Das ist kein Zufall, sondern Sortimentslogik. Die Trennung verläuft nicht entlang des Felgendurchmessers — beide Winterlinien führen zum Beispiel 14-Zoll-Reifen —, sondern entlang der konkreten Dimension: Die Komfortlinien besetzen überwiegend schmale Klein- und Kleinstwagenmaße, mit einzelnen Ausreißern nach oben, die sportlicheren Linien die breiteren Kompakt- und Mittelklassemaße — und keine einzige Dimension kommt in beiden vor. Für Sie heißt das ganz praktisch: Sie entscheiden nicht zwischen „komfortabel“ und „sportlich“ — Ihre Reifengröße entscheidet für Sie. Wer einen Kleinwagen mit 14-Zoll-Rädern fährt, bekommt den Comfort-Life 2 oder den Master-Grip 2, und zwar ohne Alternative innerhalb der Marke; wer einen Kompakten oder eine Mittelklasse-Limousine bewegt, bekommt Speed-Life 3 oder Speed-Grip 5. Der Einstieg in die kleine Winterlinie ist der Master-Grip 2 in 155/65 R14 für 47,33 Euro.
Beim Transporter ist die Struktur wieder eine andere und deutlich durchdachter: Van-Life 3 für den Sommer und Van-Grip 3 für den Winter teilen sich 19 der jeweils 21 Größen. Wer also mit dem Kastenwagen saisonal wechselt, findet fast immer das passende Gegenstück in derselben Dimension, etwa den Van-Life 3 in 195/65 R16C und den Van-Grip 3 in 195/70 R15C. Die vollständige Winterauswahl für Transporter steht unter Winterreifen für Van und Transporter.
Für wen sich Semperit lohnt — und für wen nicht
Nach dieser Erhebung lässt sich die Marke ziemlich präzise einordnen, ohne in Werbesprache zu verfallen. Semperit passt gut, wenn Sie einen Kompakt-, Mittelklasse- oder Kleinwagen im Alltag bewegen, Wert auf verlässliche Nasshaftung legen und beim Winterreifen ein belegbar gutes Ergebnis wollen, ohne den Premium-Aufschlag zu zahlen. Die Untergrenze des Sortiments ist ordentlich — kein einziger Reifen mit Nasshaftung D oder E —, und im einzigen unabhängigen Test, in dem die Marke gegen die eigene Konzernmutter antrat, stand sie auf Augenhöhe. Für Pendler in Regionen mit echten vier Jahreszeiten ist das eine stimmige Rechnung, zumal der Preismedian mit 108,70 Euro klar unterhalb des Premium-Niveaus liegt. Wer den Winterkauf früh angeht, spart zusätzlich, wie der Beitrag Winterreifen im Sommer kaufen zeigt.
Eher nicht die richtige Wahl ist die Marke, wenn Ihnen der Rollwiderstand wichtig ist: Effizienzklasse A gibt es hier nicht, B nur in 4,3 Prozent der Ausführungen, und gerade bei Kleinwagen- und Transporterreifen dominieren D und E. Wer ein Elektroauto fährt und um jeden Kilometer Reichweite rechnet, findet anderswo passendere Angebote — die Zusammenhänge dazu stehen in Winterreifen fürs E-Auto. Auch für Geländewagen und große SUV ist Semperit mit vier Offroad-Ausführungen schlicht nicht aufgestellt, und wer das absolute Maximum im trockenen Grenzbereich sucht, ist bei der Premium-Spitze besser aufgehoben.
Unabhängig von der Marke gilt: Kaufen Sie nur die für Ihr Fahrzeug freigegebene Dimension und prüfen Sie Last- und Geschwindigkeitsindex, denn beide entscheiden über Zulässigkeit und Preis zugleich; die Grundlagen stehen in Lastindex und Geschwindigkeitsindex. Und vergleichen Sie ruhig quer durch die Konzernfamilie — wie stark Marken desselben Hauses auseinanderliegen können, zeigt neben dem Barum-Ergebnis von 2022 auch das Porträt der Goodyear-Tochter Fulda oder unsere Auswertung des Konzernvergleichs bei Kumho. Wie dünn das Testarchiv insgesamt ist und warum es zu vielen Größen gar kein Urteil gibt, haben wir in Neun von zehn Reifen ohne Test untersucht. Das komplette Semperit-Angebot finden Sie in den Kategorien Winterreifen für PKW und Sommerreifen für PKW; Begriffe schlagen Sie bei Bedarf im Reifen-Wiki nach.
Häufige Fragen
Zu welchem Konzern gehört Semperit?
Semperit gehört seit 1985 zur Continental-Gruppe. Die Reifensparte wurde 1983 aus dem österreichischen Semperit-Konzern herausgelöst und zwei Jahre später von der Creditanstalt an Continental verkauft. Zur selben Markenfamilie zählen unter anderem Uniroyal, Barum, Matador, Viking und General Tire.
Werden Semperit-Reifen noch in Österreich gebaut?
Nein. Continental beendete die Reifenfertigung im niederösterreichischen Traiskirchen bereits 2002 und verlagerte sie nach Tschechien; 2009 folgte das Aus für die Mischungsherstellung, 2010 verließen die letzten Beschäftigten das Werk. Welches Werk einen bestimmten Reifen gebaut hat, verrät die DOT-Nummer auf der Flanke.
Wie gut sind Semperit-Winterreifen wirklich?
Im ADAC-Winterreifentest 2022 in 185/65 R15 erreichte der Speed-Grip 5 die Note 2,2 „gut“ — dieselbe Note wie der Continental WinterContact TS 870 bei zwanzig Euro geringerem Testpreis — und laut ADAC die beste Schneebewertung des Feldes. Das Ergebnis gilt für diese geprüfte Dimension; in anderen Größen sollten Sie das Label der konkreten Ausführung prüfen.