EU-Reifenlabel lesen: Nasshaftung, Effizienz und Geräusch einfach erklärt
Auf jedem neuen Reifen klebt ein farbiges Etikett mit Buchstaben, einer Dezibelzahl und ein paar kleinen Piktogrammen – das EU-Reifenlabel. Es funktioniert ähnlich wie das Energielabel an Kühlschrank oder Waschmaschine und soll Reifen auf einen Blick vergleichbar machen. In der Praxis wird es allerdings häufig falsch gelesen: Ein „A“ bedeutet nicht bei jedem Reifentyp dasselbe, die Geräuschklasse C bekommt praktisch kein Reifen, und für eine ganze Reihe von Reifen gilt das Label überhaupt nicht. In diesem Ratgeber gehen wir das Label Feld für Feld durch – mit den tatsächlichen Grenzwerten aus der EU-Verordnung, den Messzahlen des ADAC und Beispielen aus unserem eigenen Sortiment. Und wir zeigen den Fall, der in keiner Anleitung steht: ein vollständig ausgefülltes Label, hinter dem überhaupt keine Messung steht.
Was das EU-Reifenlabel ist – und für welche Reifen es nicht gilt
Seit November 2012 müssen neue Pkw-Reifen in der EU gekennzeichnet sein. Seit dem 1. Mai 2021 gilt eine überarbeitete, strengere Fassung: die Verordnung (EU) 2020/740. Neu ist daran vor allem, dass nun auch schwere Nutzfahrzeugreifen erfasst sind – zuvor galt die Kennzeichnung nur für Pkw-Reifen (Klasse C1) und Reifen für leichte Nutzfahrzeuge (C2), Lkw- und Busreifen (C3) waren ausgenommen. Die EU begründet das damit, dass gerade C3-Reifen wegen ihrer hohen Jahreslaufleistung besonders viel Kraftstoff sparen können.
Das Label macht drei Eigenschaften vergleichbar: die Kraftstoffeffizienz (also den Rollwiderstand), die Nasshaftung (das Bremsen auf nasser Fahrbahn) und das externe Rollgeräusch (das Vorbeifahrgeräusch). Dazu kommen seit 2021 ein QR-Code und, wo zutreffend, zwei Wintersymbole. Wichtig für Sie als Käufer: Die Klassen müssen überall dort erscheinen, wo der Reifen angeboten wird – die Verordnung verlangt die Kennzeichnung ausdrücklich auch in technischen Werbematerialien und in visuellem Werbematerial, und zwar auch dann, wenn dieses im Internet veröffentlicht wird. Ein Online-Shop, der die Labelwerte verschweigt, erfüllt seine Pflicht nicht. Bei ausgestellter Ware muss das Label am Reifen oder in dessen Nähe angebracht sein.
Weniger bekannt ist die Ausnahmeliste. Artikel 2 der Verordnung nimmt eine ganze Reihe von Reifen ausdrücklich aus – wer dort ein Label sucht, sucht vergeblich:
- Reifen für den harten Geländeeinsatz sowie reine Rennreifen
- Reifen für Fahrzeuge, deren Erstzulassung vor dem 1. Oktober 1990 liegt – deshalb tragen typische Oldtimer- und Youngtimer-Reifen kein Label
- T-Notradreifen, also die schmalen Notlaufräder mit erhöhtem Fülldruck
- Reifen mit einer zulässigen Höchstgeschwindigkeit unter 80 km/h
- Reifen für Felgen mit einem Nenndurchmesser von höchstens 254 mm oder mindestens 635 mm – umgerechnet also alles unterhalb von rund 10 Zoll und oberhalb von rund 25 Zoll
- Reifen mit Traktionshilfen, etwa Spikereifen
- gebrauchte Reifen – mit einer bemerkenswerten Ausnahme: Werden sie aus einem Drittland importiert, gilt die Kennzeichnungspflicht sehr wohl
Für runderneuerte Reifen sieht die Verordnung eine Kennzeichnung zwar grundsätzlich vor, sie greift aber erst, sobald ein geeignetes Prüfverfahren zur Messung ihrer Leistung festgelegt ist – ein solches Verfahren existiert bis heute nicht. Runderneuerte Ware kommt deshalb weiterhin ohne Label in den Handel.
Die Gegenprobe: 5.233 von 53.014 Reifen im Regal tragen kein Label
Die Ausnahmeliste klingt nach juristischem Kleingedruckten, hat aber eine sehr handfeste Folge: In jedem großen Reifensortiment gibt es eine beträchtliche Zahl von Reifen, bei denen Sie das Etikett vergeblich suchen. Wie groß dieser Anteil wirklich ist, haben wir am eigenen Bestand nachgezählt – Stand 7. Oktober 2026, alle lieferbaren und bestellbaren Artikel, Felgen und Radschrauben herausgerechnet. Das Ergebnis: Von 53.014 Reifen führen 47.781 vollständige Labelwerte und 5.233 gar keine. Das ist fast genau jeder zehnte Reifen oder 9,9 Prozent des Sortiments. Wie die acht Ausnahmen der Verordnung im Einzelnen formuliert sind, haben wir in Reifen ohne EU-Label: die acht Ausnahmen der Verordnung aufgeschlüsselt – hier geht es darum, was davon im Regal ankommt.
Auffällig ist dabei zuerst etwas, das man leicht übersieht: Ein halbes Label gibt es praktisch nicht. Kein einziger Artikel im Katalog trägt nur einen oder zwei der drei Werte – entweder stehen Kraftstoffeffizienz, Nasshaftung und Dezibelwert vollständig da, oder es steht nichts da. Das entspricht genau der Systematik der Verordnung: Ein Reifen fällt als Ganzes unter die Kennzeichnungspflicht, oder er fällt gar nicht darunter. Wenn Ihnen also bei einem Angebot nur eine einzelne Klasse fehlt, ist das kein Hinweis auf eine Ausnahme, sondern auf eine unvollständige Produktbeschreibung – und danach dürfen Sie fragen.
Vier von fünf Lücken sitzen beim Motorrad. 4.327 der 5.233 label-losen Reifen sind Motorradreifen, also 82,7 Prozent – und zwar restlos alle: Nicht ein einziger Motorradreifen im Sortiment führt Labelwerte. Der Grund dafür steht nicht in der Ausnahmeliste, sondern eine Ebene darüber. Die Verordnung gilt für die Reifenklassen C1, C2 und C3, und diese Klassen sind über die Fahrzeuge definiert, für die die Reifen bestimmt sind: Pkw, leichte Nutzfahrzeuge, schwere Nutzfahrzeuge. Krafträder der Fahrzeugklasse L kommen darin überhaupt nicht vor – weshalb es beim Motorradreifen auch keine Ausnahme braucht, um ohne Etikett auszukommen. Woran Sie dort stattdessen Qualität festmachen, haben wir unter Warum Motorradreifen kein EU-Label haben zusammengetragen.
Der verbleibende Rest verteilt sich auf 505 Reifen der Rubrik „Sonstige“ und 401 Offroad-Reifen – diese beiden Zahlen stehen seit unserer ersten Auszählung auf den Artikel genau unverändert. Aufgeschlüsselt nach Warengruppen zeigt sich, worum es dabei geht: 2.194 Straßen-Motorradreifen, 1.045 Enduro-Reifen, 969 Mofa-, Moped- und Rollerreifen, 346 Quad- und ATV-Reifen, 344 Schläuche (248 allgemeine und 96 ausdrücklich fürs Motorrad), 56 Anhänger- und Oldtimerreifen, 55 Offroad-Sommerreifen, 48 Rasenmäherreifen, 29 Kartreifen, 28 Reifen für Kleintraktoren, 23 Felgenbänder, 22 Karrenreifen, 21 Reifen für Heuwender und 13 Industriereifen; die übrigen 40 verteilen sich auf Kleinstgruppen vom Elektroscooter- bis zum Flugzeugreifen. Das ist keine zufällige Restmenge, sondern ziemlich genau die Liste dessen, was entweder gar nicht auf öffentlichen Straßen fährt oder zu langsam dafür ist.
Drei der Ausnahmen lassen sich am Regal sogar direkt nachzählen. Die Felgengrenze zuerst: 414 Reifen im Sortiment passen auf Felgen mit höchstens 10 Zoll Nenndurchmesser – und 10 Zoll sind exakt die 254 Millimeter, bei denen die Verordnung die Kennzeichnungspflicht enden lässt. Bei 393 dieser 414 Reifen fehlen die Labelwerte. Die obere Grenze von 635 Millimetern greift dagegen bei uns überhaupt nicht: Der größte Felgendurchmesser im Sortiment sind 24 Zoll, umgerechnet 609,6 Millimeter; auch die wenigen metrischen Felgenangaben im Katalog – R400 bei einem Transporter-Klassiker, R420 bei Supermoto-Reifen – bleiben mit 400 beziehungsweise 420 Millimetern klar darunter. Wer also einen Reifen für ein Kleinstfahrzeug, einen Anhänger oder ein Gerät mit kleinen Rädern sucht, stößt regelmäßig auf diese Grenze – wer 22-Zoll-Räder fährt, nie.
Interessanter als die 393 sind die 21, die aus der Reihe fallen. Denn 21 dieser 414 Kleinfelgen-Reifen tragen sehr wohl vollständige Labelwerte – 20 davon sitzen genau auf der Grenze von 10 Zoll, einer liegt mit 8 Zoll sogar darunter. Ein Widerspruch ist das nicht: Eine Ausnahme von der Kennzeichnungspflicht bedeutet, dass der Hersteller das Label weglassen darf – sie verbietet ihm nicht, die Werte dennoch anzugeben. Gerade bei 10-Zoll-C-Reifen für Anhänger und kleine Transporter kommen sie deshalb oft mit, weil dieselbe Baureihe in größeren Dimensionen ohnehin gekennzeichnet werden muss. Belastbar sind diese freiwilligen Angaben allerdings nicht durchgehend: Zwölf der 21 tragen die Kombination E/E/79 ohne hinterlegte Registernummer – und das ist, wie der letzte Abschnitt dieses Kapitels zeigt, typischerweise gar kein Messwert.
Die zweite nachzählbare Ausnahme ist die Höchstgeschwindigkeit. Bei 23 Artikeln nennt unser Katalog ausdrücklich eine zulässige Höchstgeschwindigkeit unterhalb von 80 km/h, und bei allen 23 fehlen die Labelwerte – darunter die klassischen Mopedreifen der Baureihe Continental KKS10 mit 50 km/h, etwa der Continental KKS10 2 1/4-16 38B. Was die krumme Größenangabe und der Buchstabe am Ende bedeuten, erklären wir in Mofa- und Mopedreifen: die Zollgrößen auf der Flanke. Die dritte ist der harte Geländeeinsatz: Bei 55 Offroad-Sommerreifen fehlen die Werte ebenfalls, fast durchweg bei grobstolligen Mud-Terrain-Profilen – also genau der Bauart, auf die diese Ausnahme zielt. Was die zugehörige Kennung POR auf der Flanke bedeutet, steht im Beitrag Geländereifen richtig lesen.
Wie fein diese Grenzen eine einzelne Produktgruppe teilen können, zeigen die Anhänger- und Oldtimerreifen. Dort führen 20 Artikel ein vollständiges Label und 56 keines – und die beiden Hälften sehen völlig unterschiedlich aus. Die 20 mit Label sind ausnahmslos Radialreifen in metrischen Größen von 12 bis 15 Zoll, von 155/70 R12C bis 225/70 R15C. Unter den 56 ohne Label tragen 50 die alten Zollbezeichnungen wie 4.00-8, 16.5x6.50-8 oder 20.5x8.00-10, und 15 von ihnen sitzen auf Felgen zwischen 8 und 10 Zoll, fallen also schon über die Felgengrenze aus der Verordnung heraus. Ein und dieselbe Warengruppe, ein und derselbe Anhänger – und trotzdem entscheiden Bauart und Radgröße darüber, ob es ein Etikett gibt.
Zwei Ausnahmen laufen bei uns übrigens ins Leere, und das ist eine gute Nachricht: Gebrauchte und runderneuerte Pkw-Reifen führen wir nicht, im gesamten Katalog steht kein einziger. Für Sie heißt das: Wenn Sie bei uns einen Pkw-, Transporter- oder Lkw-Reifen in den Warenkorb legen, gehört ein vollständiges Label dazu. Fehlt es, handelt es sich fast immer um Ware für Motorrad, Gelände oder Gerät – und dann fehlt es zu Recht.
Es gibt allerdings eine dritte Kategorie, und die ist beim Zählen am leichtesten zu übersehen: Label vorhanden, Messwert nicht. Unter den 47.781 vollständig gekennzeichneten Reifen tragen 969 genau die Kombination Effizienz E, Nasshaftung E und 79 Dezibel – ohne dass zu ihnen eine echte Registernummer in der EU-Datenbank hinterlegt wäre. Dass dahinter kein Messergebnis steckt, sondern ein Platzhalter für eine Lücke in der Produktdatenpflege, zeigt eine einfache Gegenprobe: Wäre E/E/79 eine echte Produkteigenschaft, dürfte derselbe Modellname sie nicht gleichzeitig mit gemessenen Werten führen. Genau das tun aber 156 Modellreihen in unserem Katalog. Beim Yokohama BluEarth-Winter (V906) etwa stehen 95 Ausführungen in zwölf verschiedenen Etikettenkombinationen im Regal – 36-mal D/B/71, neunmal D/B/70, achtmal D/B/73 und 23-mal E/E/79; wo gemessen wurde, steht beim Nassgriff fast durchgängig ein B. Beim Landsail Sentury SeasonsDragon 2 tragen sogar 63 von 64 Ausführungen den Platzhalter, und der eine registrierte Eintrag kommt auf B/B/72. Gemessen an allen gekennzeichneten Reifen sind das nur 2,0 Prozent. Gemessen an denen, die beim Nassgriff ein E ausweisen, sind es 969 von 2.837 – also mehr als jedes dritte gemeldete E. Verteilt ist das über 51 Marken und überwiegend über Sommerreifen (651 der 969), mit Schwerpunkten bei Pkw- (538) und Geländereifen (349); es ist also kein Problem einer einzelnen Billigmarke. Praktisch heißt das: Stoßen Sie auf E/E/79, prüfen Sie, ob überhaupt eine Registernummer dabeisteht – fehlt sie, sagt dieses Etikett nichts über den Reifen aus. Was eine solche Nummer belegt und was nicht, haben wir in Was das EU-Register über einen Reifen wirklich aussagt auseinandergenommen.
C1, C2, C3: Warum ein A nicht überall dasselbe bedeutet
Dies ist der am häufigsten übersehene Punkt am ganzen Label – und er stand bis zu dieser Aktualisierung auch in diesem Ratgeber falsch. Die Buchstaben A bis E bedeuten nicht in allen Reifenklassen dasselbe. Anhang I der Verordnung (EU) 2020/740 legt für C1, C2 und C3 jeweils eigene Grenzwerte fest.
Bei der Nasshaftung wird aus dem genormten Bremsversuch ein Nasshaftungskennwert G berechnet. Die Klasse A verlangt:
- C1 (Pkw): G von mindestens 1,55
- C2 (leichte Nutzfahrzeuge): G von mindestens 1,40
- C3 (schwere Nutzfahrzeuge): G von mindestens 1,25
Ein Transporterreifen der Klasse C2 erreicht sein A also mit einem Messwert, der bei einem Pkw-Reifen nur noch für ein C reichen würde. Beim Rollwiderstand dreht sich das Verhältnis genau um: Dort verlangt die Klasse A bei C1-Reifen einen Rollwiderstandskoeffizienten von höchstens 6,5 N/kN, bei C2 höchstens 5,5 N/kN und bei C3 sogar höchstens 4,0 N/kN. Hier liegt die Latte für den Lkw-Reifen am höchsten, weil dort jede eingesparte Rollwiderstandseinheit über hunderttausende Kilometer wirkt.
Merksatz: Vergleichen Sie Labelklassen nur innerhalb derselben Reifenklasse. Ein A auf einem C-Reifen fürs Wohnmobil und ein A auf dem Reifen Ihres Kombis sind nur dann dieselbe Leistung, wenn beide Reifen derselben Klasse zugeordnet sind.
Verwechseln Sie die Label-Klassen außerdem nicht mit dem C in einer Größenangabe wie 215/65 R16 C. Dieses C steht für „Commercial“ und beschreibt die verstärkte Bauart für höhere Lasten – mit den Reifenklassen C1 bis C3 hat es nichts zu tun, auch wenn beide denselben Buchstaben verwenden. Und noch eine Falle gehört dazu: Die Klassengrenzen sind zwar innerhalb einer Reifenklasse für jede Größe identisch, der gemessene Wert ist es nicht. Warum derselbe Modellname je nach Dimension völlig andere Buchstaben tragen kann, erklären wir im Beitrag Warum derselbe Reifen je nach Größe ein anderes EU-Label trägt.
Kraftstoffeffizienz: Was ein Buchstabe an der Zapfsäule wirklich kostet
Das Symbol mit der Zapfsäule bewertet den Rollwiderstand. Je weniger Energie der Reifen beim Abrollen in Verformung und Wärme verliert, desto weniger Kraftstoff oder Strom braucht Ihr Fahrzeug. Für Pkw-Reifen reicht die Skala von A (Rollwiderstandskoeffizient bis 6,5 N/kN) über B (6,6 bis 7,7), C (7,8 bis 9,0) und D (9,1 bis 10,5) bis E (ab 10,6 N/kN). Die früher zusätzlich möglichen Stufen F und G gibt es beim Pkw-Label nicht mehr.
Wie viel das im Tank ausmacht, hat der ADAC beziffert. Gegenüber der Bestklasse A verbraucht ein Reifen im Schnitt rund 0,1 l/100 km mehr in Klasse B, 0,22 l in Klasse C, 0,36 l in Klasse D und 0,51 l in Klasse E (Quelle: ADAC). Zwischen A und E liegen damit etwa 0,5 l/100 km oder rund 7,5 Prozent des Verbrauchs.
Diese Spanne sollten Sie allerdings nicht für bare Münze nehmen. Der ADAC weist selbst darauf hin, dass die meisten heute angebotenen Reifen ohnehin in die Klassen B und C fallen – das realistische Sparpotenzial ist deshalb deutlich kleiner, als die fünf Buchstaben vermuten lassen. Zwischen zwei benachbarten Klassen liegt jeweils nur rund ein Zehntel bis ein Sechstel Liter je 100 Kilometer. Für Vielfahrer und für Elektroautos, bei denen der Rollwiderstand direkt in die Reichweite geht, lohnt der Blick auf eine gute Effizienzklasse trotzdem: Über eine Reifenlebensdauer von 40.000 Kilometern summiert sich schon ein Zehntelliter auf rund 40 Liter Kraftstoff. Wie der Rollwiderstand physikalisch entsteht und welche Rolle Luftdruck und Fahrweise dabei spielen, vertiefen wir im Ratgeber Rollwiderstand und Spritsparen.
Nasshaftung: Das wichtigste Kriterium – und wie es gemessen wird
Das Symbol mit der Regenwolke zeigt, wie gut der Reifen auf nasser Fahrbahn bremst. Aus unserer Sicht ist das die wichtigste der drei Angaben, weil sie unmittelbar über den Bremsweg entscheidet. Gemessen wird nach Anhang 5 der UNECE-Regelung Nr. 117: Ermittelt werden Bremsweg beziehungsweise maximaler Reibwert des zu prüfenden Reifens, verglichen wird das Ergebnis mit einem genormten Referenzreifen. Daraus entsteht der Nasshaftungskennwert G, von dem die Verordnung anschließend pauschal 0,03 abzieht.
Für Pkw-Reifen liegen die Klassengrenzen bei einem G von 1,55 und mehr (A), 1,40 bis 1,54 (B), 1,25 bis 1,39 (C), 1,10 bis 1,24 (D) und 1,09 und darunter (E). Jede Klasse ist damit exakt 0,15 breit – die Abstände sind gleichmäßig, ein Klassensprung ist keine Ermessensfrage, sondern eine gemessene Größe.
Wie viel das auf der Straße ausmacht, macht eine einzige Zahl deutlich: Zwischen einem Reifen der Klasse A und einem der Klasse E kann der Bremsweg bei einer Vollbremsung aus 80 km/h auf durchschnittlich griffiger Fahrbahn um bis zu rund 18 Meter auseinanderliegen – etwa vier Pkw-Längen, in denen der A-Reifen längst steht. Der ADAC leitet daraus eine klare Kaufempfehlung ab: Bei der Nasshaftung sollten Sie mindestens Klasse C wählen. Warum Reifen mit D oder E in der Praxis kaum noch eine Rolle spielen und wo sie trotzdem auftauchen, lesen Sie in Nasshaftung D und E.
Zwei Einschränkungen gehören unbedingt dazu. Erstens bewertet die Klasse ausschließlich das geradlinige Bremsen auf nasser Fahrbahn nach einem genormten Verfahren. Aquaplaning bei stehendem Wasser, das Verhalten in nassen Kurven und der Trockenbremsweg fließen nicht ein – dafür braucht es weiterhin einen unabhängigen Test. Zweitens gilt der Wert für den fabrikneuen Reifen: Mit sinkender Profiltiefe kann der Reifen weniger Wasser verdrängen, und selbst ein A-Reifen bremst mit 3 Millimeter Restprofil nicht mehr wie am ersten Tag. Ein regelmäßiger Blick auf die Profiltiefe gehört deshalb zwingend dazu – die beste Labelklasse nützt nichts, wenn das Profil sie nicht mehr einlösen kann.
Rollgeräusch: Warum es die Klasse C praktisch nicht gibt
Das dritte Feld nennt das Vorbeifahrgeräusch in Dezibel und dazu eine Buchstabenklasse; die früheren ein bis drei Schallwellen sind seit 2021 entfallen. Die Klassen ergeben sich aus dem Abstand zum gesetzlichen Grenzwert, den die Verordnung mit LV abkürzt:
- A: Der Messwert liegt mindestens 3 dB(A) unter dem Grenzwert
- B: Der Messwert liegt bis zu 3 dB(A) unter dem Grenzwert
- C: Der Messwert überschreitet den Grenzwert
Genau hier stand in diesem Ratgeber bisher, ein C-Reifen erreiche den Grenzwert gerade eben. Das ist nicht richtig, und die Konsequenz daraus ist wichtiger, als sie zunächst klingt: Ein Reifen der Klasse C liegt über dem zulässigen Grenzwert und wäre damit nicht zulassungsfähig. Der ADAC formuliert es unmissverständlich – mit C werden schlicht keine Reifen gekennzeichnet, weil solche Reifen gar nicht verkauft werden dürften. In der Praxis sehen Sie deshalb ausschließlich A oder B, und die Geräuschklasse taugt weniger zum Aussortieren als zum Feinvergleich.
Ebenso wichtig ist der zweite Punkt: Der Grenzwert ist nicht für alle Reifen gleich. Er hängt von der Reifenklassifizierung (C1 bis C3), von der Reifenbreite und von der Bauart ab. Deshalb kann derselbe Dezibelwert bei zwei verschiedenen Reifen zu unterschiedlichen Buchstaben führen – und ein Reifen mit 71 dB muss nicht schlechter eingestuft sein als einer mit 70 dB. Vergleichen Sie deshalb erst die Klasse und anschließend, innerhalb derselben Klasse und derselben Reifenbreite, die Dezibelzahl. Und behalten Sie im Hinterkopf, dass das Label das Außengeräusch beschreibt, also den Lärmschutz für die Umwelt. Wie laut ein Reifen im Innenraum wirkt, hängt zusätzlich von Fahrzeug, Dämmung und Fahrbahnbelag ab – mehr dazu im Beitrag Reifengeräusch und leise Reifen.
QR-Code, EPREL und die beiden Wintersymbole
Die auffälligste Neuerung des aktuellen Labels ist der QR-Code oben rechts. Scannen Sie ihn mit dem Smartphone, landen Sie direkt beim Datensatz des Reifens in der EPREL-Datenbank, der Europäischen Produktdatenbank für die Energieverbrauchskennzeichnung. Dort hinterlegt der Hersteller den Herstellernamen, die genaue Artikelnummer, die Dimension samt Geschwindigkeits- und Lastindex sowie die Reifenklasse. Seit Mai 2021 muss jeder betroffene Reifen dort registriert sein – Sie können die Angaben auf dem Aufkleber also unabhängig vom Händler gegenprüfen, und zwar noch im Laden. Dass sich dieser Blick lohnt, zeigt unsere eigene Stichprobe: Wir haben 200 Winterreifen im EU-Register nachgeschlagen und dabei 38-mal eine andere Klassenangabe gefunden, als sie im Angebot stand.
Unten rechts können bei Winter- und Ganzjahresreifen zwei verschiedene Symbole stehen, und die werden regelmäßig verwechselt. Das bekannte Alpine-Symbol – die Bergkulisse mit Schneeflocke, auch 3PMSF genannt – bestätigt, dass der Reifen die Mindestanforderungen an Reifen für winterliche Straßen nach der UNECE-Regelung Nr. 117 erfüllt. Es muss zusätzlich in die Reifenflanke eingeprägt sein, oder es muss eine entsprechende Bescheinigung des Herstellers vorliegen. Das ist der entscheidende Unterschied zur bloßen Kennzeichnung „M+S“, die ein Hersteller ohne jede Prüfung aufbringen darf.
Das zweite Symbol ist ein Dreieck mit Bergsilhouette und steht für die Eisgriffigkeit. Es bescheinigt eine Mindesthaftung auf Eis und richtet sich an den nordeuropäischen Markt; solche Reifen sind laut ADAC in der Regel nicht für Einsätze außerhalb Nordeuropas bestimmt. Für den deutschen Alltag ist deshalb das Alpine-Symbol das maßgebliche Zeichen. Welches der beiden Symbole hierzulande rechtlich zählt und welches nur Zusatzinformation ist, haben wir in Zwei Wintersymbole auf dem EU-Reifenlabel ausführlich aufgeschlüsselt. Trägt ein Reifen keines der Symbole, bleibt die Stelle auf dem Label einfach leer – ein reiner Sommerreifen zeigt dort also nichts an.
So lesen Sie das Label beim Kauf – und wo es endet
Die wichtigste Lesegewohnheit ist zugleich die einfachste: Lesen Sie jede Spalte einzeln. Aus einer guten Nassnote folgt keine gute Effizienznote, und umgekehrt genauso wenig. Wie weit die Werte innerhalb eines einzigen Modells auseinandergehen können, zeigt unser eigenes Regal. In der gängigen Größe 205/55 R16 führen wir am 7. Oktober 2026 sechs lieferbare Ausführungen des Bridgestone Turanza T005 – und diese sechs Ausführungen verteilen sich auf fünf verschiedene Label-Kombinationen, von A/A bis C/B. Der Bridgestone Turanza T005 205/55 R16 91V erreicht bei Nasshaftung und Kraftstoffeffizienz jeweils die Klasse A und kostet 89,87 Euro; eine 91W-Ausführung desselben Modells kommt bei der Effizienz nur auf C und bei der Nasshaftung auf B – kostet mit 92,20 Euro aber sogar etwas mehr. Am günstigsten der sechs wird der Punkt noch deutlicher: Diese 91W-Ausführung liegt bei 86,67 Euro und trägt B bei der Effizienz und A bei der Nasshaftung – die bessere Nassnote also zum niedrigeren Preis als die C/B-Variante.
Noch deutlicher wird es beim Kumho Ecsta HS52 205/55 R16 91V für 52,68 Euro: Vier der fünf lieferbaren Ausführungen tragen die Kombination Effizienz C mit Nasshaftung A, ausgerechnet die H-Ausführung dreht das Verhältnis auf Effizienz A mit Nasshaftung B um und ist mit 69 dB zugleich die leiseste – kostet mit 88,31 Euro allerdings rund zwei Drittel mehr. Der Preis sortiert die Labelwerte also nicht – das ist kein Einzelfall, sondern ein Muster, dem wir im Beitrag Derselbe Reifenname, zwei verschiedene EU-Label nachgegangen sind. Alle genannten Preise und Klassen stammen aus unserer eigenen Erhebung vom 7. Oktober 2026 und können sich ändern.
Und dann ist da noch, was gar nicht auf dem Label steht. Nicht bewertet werden der Trockenbremsweg, Handling und Lenkpräzision, die Aquaplaning-Reserve bei stehendem Wasser, die Laufleistung sowie das Verhalten bei Alterung und hohen Temperaturen. Dazu kommt ein struktureller Vorbehalt, den man kennen sollte: Die Prüfungen führt die Reifenindustrie selbst nach festgelegten Verfahren durch, der Hersteller klassifiziert sein Produkt also in Eigenregie. Die Verordnung sieht dafür Nachprüfungen durch unabhängige Stellen und feste Prüftoleranzen vor – eine flächendeckende Kontrolle jeder einzelnen Angabe ist damit aber nicht verbunden.
Unsere Empfehlung lautet deshalb wie die des ADAC: Nutzen Sie das Label als schnellen Vorfilter – gute Nasshaftung zuerst, Effizienz je nach Fahrleistung, Geräusch als Zugabe – und ziehen Sie für die endgültige Entscheidung einen aktuellen, unabhängigen Reifentest heran, sofern es für Ihr Modell einen gibt. Liegt kein Test vor, bleibt das Label die beste verfügbare Orientierung, und die sollten Sie auch nutzen. Wo genau die Grenze zwischen beidem verläuft, haben wir in EU-Reifenlabel oder Reifentest gegenübergestellt. Passende, vollständig gelabelte Reifen finden Sie jederzeit bei den PKW-Sommerreifen in unserem Shop.
Häufige Fragen
Was bedeuten die Buchstaben A bis E auf dem Reifenlabel?
Sie stehen für die Leistungsklassen bei Kraftstoffeffizienz und Nasshaftung, wobei A jeweils die beste und E die schwächste Klasse ist. Die früheren Stufen F und G gibt es beim Pkw-Label nicht mehr. Wichtig ist dabei: Die dahinterliegenden Grenzwerte unterscheiden sich je nach Reifenklasse – ein A auf einem Pkw-Reifen (C1) verlangt bei der Nasshaftung einen höheren Messwert als ein A auf einem Reifen der Klasse C2. Beim Rollgeräusch gibt es zusätzlich die Klassen A bis C zusammen mit einem Dezibelwert.
Gilt das EU-Label auch für gebrauchte oder runderneuerte Reifen?
Nein. Gebrauchte Reifen sind von der Verordnung (EU) 2020/740 ausdrücklich ausgenommen – es sei denn, sie werden aus einem Drittland importiert, dann greift die Kennzeichnungspflicht doch. Für runderneuerte Reifen ist eine Kennzeichnung zwar vorgesehen, sie tritt aber erst in Kraft, wenn ein geeignetes Prüfverfahren festgelegt wurde; bis dahin kommen sie ohne Label in den Handel.
Wofür ist der QR-Code auf dem Label?
Er führt zur offiziellen EU-Produktdatenbank EPREL. Dort hinterlegt der Hersteller die Reifendaten – Herstellername, Artikelnummer, Dimension mit Geschwindigkeits- und Lastindex sowie die Reifenklasse. Sie können die Angaben auf dem Aufkleber damit unabhängig nachvollziehen und müssen sich nicht allein auf die Auszeichnung im Laden verlassen.