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Branche & Markt – Ratgeber im Magazin

280 Werkstätten verkauft: Warum Continental sich aus dem Reifenhandel zurückzieht

· 9 Min. Lesezeit · Aktualisiert am 02.10.2026
Reifenstapel im Regal einer Kfz-Werkstatt, dahinter ein Auto auf der Hebebühne (KI, OpenAI)
Reifenstapel im Regal einer Kfz-Werkstatt, dahinter ein Auto auf der Hebebühne (KI, OpenAI)

Continental hat am 24. September 2026 den Verkauf seiner australischen Werkstattkette mycar Tyre & Auto angekündigt. Aus deutscher Sicht klingt das nach einer Randnotiz vom anderen Ende der Welt. Es ist aber bereits der dritte Rückzug des Konzerns aus dem eigenen Reifenhandel binnen 15 Monaten — und er sagt einiges darüber, wie der Hersteller, der in unserem Regal und in der Nachfrage unserer Kunden auf Platz eins steht, künftig arbeiten will.

Was Continental in Australien verkauft hat

Die Meldung im Kern. Continental hat am 24. September 2026 in Sydney mitgeteilt, dass der Konzern seine australische Tochter mycar Tyre & Auto abgibt. Käufer ist Tuhu, eine chinesische Plattform für Autoservice. Dem Geschäft liegt ein Unternehmenswert von 403 Millionen australischen Dollar zugrunde, umgerechnet rund 250 Millionen Euro. Zum Paket gehören alle rund 280 Standorte und mehr als 1.600 Beschäftigte; der Verkauf steht noch unter dem Vorbehalt behördlicher Genehmigungen. Das geht aus der Pressemitteilung von Continental zum Verkauf von mycar hervor, über die am selben Tag auch die Fachzeitschrift Reifenpresse berichtete.

mycar ist keine reine Reifenkette, sondern ein Vollsortimenter für den Werkstattbedarf: Inspektionen nach Herstellervorgabe, Reifen, Bremsen, Fahrwerk, Batterien und allgemeine mechanische Reparaturen. Mit mehr als 1.600 Mitarbeitern zählt das Unternehmen nach Continentals Angaben zu den größten Arbeitgebern im australischen Kfz-Service.

Der Bogen schließt sich nach acht Jahren. Continental hatte das Geschäft 2018 von der australischen Handelsgruppe Wesfarmers übernommen — damals noch unter dem Namen Kmart Tyre and Auto Service und, laut Wesfarmers-Mitteilung vom August 2018, für 350 Millionen australische Dollar. Ein Jahr später folgte die Umbenennung in mycar. Gekauft wurde die Kette seinerzeit ausdrücklich, um das eigene Vertriebsnetz auszubauen; jetzt geht sie für 403 Millionen australische Dollar wieder weg.

Dalibor Kalina, bei Continental für das Reifengeschäft in der Region Asien-Pazifik verantwortlich, begründet den Schritt damit, dass mycar sich unter dem Dach des Konzerns sehr gut entwickelt habe und im australischen Markt nun ausgezeichnet aufgestellt sei. Entscheidend für Kunden ist ein anderer Satz aus derselben Mitteilung: Continental hat in Australien inzwischen eine eigene Vertriebsorganisation aufgebaut, und mycar bleibt auch nach dem Verkauf Vertriebspartner — die Kette verkauft dort weiterhin Continental-Reifen.

Der dritte Rückzug binnen 15 Monaten

Australien ist kein Einzelfall, sondern der vorläufig letzte Schritt einer Kette. Im Juli 2025 trennte sich Continental von BestDrive Ireland mit 33 Servicebetrieben; Käufer war der irische Reifenhändler Modern Tyres. Die Reifenpresse ordnete das damals in einen größeren Zusammenhang ein: Unter der Marke BestDrive ist Continental nach eigenen Angaben in 21 Ländern rund um Wartung und Reparatur von Pkw und Lkw präsent, mit zusammen etwa 5.300 Mitarbeitern. Im selben Bericht steht die für Deutschland interessanteste Randnotiz — Continental hatte kurz zuvor das Aus seiner deutschen Großhandelstochter TON (Tyres Over Night Trading GmbH) zum Jahresende angekündigt. Nachzulesen im Bericht der Reifenpresse über die Trennung von BestDrive in Irland.

Der größte Brocken war Frankreich. Am 10. Dezember 2025 teilte Continental mit, in exklusive Verhandlungen mit ASC Investment über den Verkauf des französischen Handelsgeschäfts ContiTrade France eingetreten zu sein. Dazu gehören mehr als 130 konzerneigene BestDrive-Betriebe, zwei Runderneuerungswerke und die zugehörige Verwaltung — insgesamt rund 1.200 Beschäftigte. Die Begründung ist dabei aufschlussreicher als die Zahlen: Continental will in Frankreich von einer hybriden Vertriebsstruktur auf ein vollständig franchisebasiertes Netz umstellen. BestDrive kommt in Frankreich insgesamt auf über 200 Standorte; verkauft werden nur die selbst betriebenen. Die Einzelheiten stehen in der Mitteilung zum Verkauf von ContiTrade France.

Zählt man zusammen: Irland, Frankreich, Australien — drei Verkäufe eigener Handels- und Servicebetriebe in gut einem Jahr, dazu die Aufgabe einer deutschen Großhandelstochter. Das ist kein Zufall mehr, sondern ein Muster.

Warum ein Reifenhersteller keine eigenen Werkstätten mehr will

Continental nennt den Grund in jeder dieser Mitteilungen selbst. Der Verkauf sei, so der Konzern zu Australien, „ein weiterer Schritt in der strategischen Fokussierung von Continental auf ihr Kerngeschäft, die Entwicklung und Produktion von Reifen“. Wer Werkstätten besitzt, bindet Kapital in Immobilien, Hebebühnen, Lagerflächen und Personal — in einem Geschäft mit dünnen Margen, das mit dem Entwickeln und Bauen von Reifen fachlich wenig zu tun hat. Ein Werkstattnetz muss außerdem in jedem Land einzeln geführt werden, mit eigenem Tarifrecht, eigenen Mietmärkten und eigener Wettbewerbslage. Der Reifenbau dagegen skaliert über Werke und Größen hinweg und ist das deutlich ertragsstärkere Geschäft.

Dass der Konzern dabei nicht nur an die Ladentheke geht, zeigt die Aufgabe der Großhandelstochter TON: Auch eine Handelsstufe zwischen Werk und Werkstatt gehört offenbar nicht mehr zum Bild, das Continental von sich selbst hat.

Der Verzicht auf Eigentum heißt nicht Verzicht auf den Kunden. Das ist der eigentliche Kniff an dieser Strategie, und er lässt sich an beiden Fällen ablesen. In Frankreich bleibt BestDrive als Marke und Netz bestehen — nur eben als Franchise statt in Eigenregie. In Australien bleibt mycar Vertriebspartner und verkauft weiter Continental-Reifen. Der Hersteller gibt also den teuren, kapitalintensiven Teil ab und behält den Absatzweg. Für die Kette wiederum ändert sich der Eigentümer, nicht das Tagesgeschäft.

Einzuordnen ist das in einen deutlich größeren Konzernumbau. Continental hat 2026 seine Industriesparte ContiTech abgegeben und richtet sich auf das Reifengeschäft aus — was das für das Sortiment bedeutet und wo der Umbau tatsächlich schon im Regal ankommt, haben wir in einem eigenen Beitrag zu Continentals Konzernumbau und den angekündigten neuen Größen nachgerechnet. Der Verkauf der Werkstattketten ist die Vertriebsseite derselben Bewegung: Der Konzern schrumpft sich auf das zusammen, was er am besten kann.

Was das für Autofahrer in Deutschland bedeutet

Die naheliegende Frage lautet: Ist Vergölst der Nächste? Die Kette gehört seit 1974 zur Continental AG, die Marke selbst gibt es seit 1926. Nach eigenen Angaben ist Vergölst heute mit mehr als 450 Betrieben bundesweit vertreten, darunter über 250 Partnerbetriebe des eigenen Franchise-Systems, und beschäftigt mehr als 1.900 Menschen sowie rund 200 Auszubildende (Quelle: Unternehmensseite von Vergölst).

Hier ist Zurückhaltung angebracht, und zwar aus einem sachlichen Grund: Continental hat sich in keiner der genannten Mitteilungen zu Vergölst oder zum deutschen Markt geäußert. Die Ankündigungen betreffen ausdrücklich Irland, Frankreich und Australien. Alles Weitere wäre Spekulation, und die hat in einer Kaufentscheidung nichts verloren. Was sich sachlich festhalten lässt, ist lediglich die Struktur: Das französische Modell war die Umstellung von eigenen Betrieben auf reines Franchise — und Vergölst betreibt mit über 250 Partnerbetrieben schon heute ein sehr großes Franchise-System neben den eigenen Filialen.

Für Sie als Käufer ist die wichtigere Erkenntnis ohnehin eine andere. Wem eine Werkstattkette gehört, hat mit der Qualität des Reifens nichts zu tun, den Sie dort oder anderswo montieren lassen. Ein Eigentümerwechsel betrifft Immobilien, Verträge und Arbeitsplätze — nicht die Mischung, die Karkasse oder das EU-Label. Dass Hersteller und Werkstatt ohnehin längst nicht mehr dasselbe Haus sein müssen, zeigte im August 2026 die Partnerschaft eines Vergleichsportals mit genau dieser Kette; wir haben sie im Wochenrückblick zur Check24-Partnerschaft von Vergölst eingeordnet. Online kaufen und vor Ort montieren lassen ist längst der Normalfall.

Im Regal ändert sich dadurch nichts

Die Gegenprobe im eigenen Sortiment fällt eindeutig aus. Stand 24. September 2026 führen wir aus unserem offenen Produktkatalog mit 57.486 Artikeln 3.448 Continental-Ausführungen — und alle 3.448 davon sind lieferbar. Damit ist Continental unter den 121 Marken im Regal die mit Abstand größte, vor Pirelli mit 3.212 und Michelin mit 3.066 Ausführungen. Auch in der Nachfrage unserer Kunden steht die Marke auf Platz eins.

Bemerkenswert ist vor allem die Breite. Die 3.448 Ausführungen verteilen sich auf 135 verschiedene Modelle und auf vier Fahrzeugwelten: 2.381 für den Pkw, 458 für Offroad und SUV, 347 fürs Motorrad und 262 für Van und Transporter. Nach Saison sind es 1.954 Sommer-, 754 Winter- und 393 Ganzjahresreifen; die übrigen 347 sind die Motorradreifen, die keine Saisonangabe tragen. Die Felgendurchmesser reichen von 8 bis 24 Zoll, die Preise lieferbarer Ausführungen von 26,91 bis 1.117,16 Euro bei einem Median von 163,35 Euro. Ein Unternehmen, das sich aufs Reifenbauen konzentriert, sieht im Verkaufsregal genau so aus.

Wie stark sich das Programm auf wenige große Linien stützt, zeigt die Auszählung nach Modellnamen. An der Spitze stehen der Ganzjahresreifen AllSeasonContact 2 mit 226 Ausführungen, der Spar-Sommerreifen EcoContact 6 mit 214, der Winterreifen WinterContact TS 870 P mit 207 und der Komfort-Allrounder PremiumContact 6 mit 191. Es folgen SportContact 5 mit 172, WinterContact TS 860 S mit 153, SportContact 7 mit 147 und UltraContact mit 141. Allein diese acht Linien stellen mit 1.451 Ausführungen gut 42 Prozent des gesamten Continental-Bestands im Regal — die restlichen 127 Modelle teilen sich den Rest. Das ist typisch für einen Hersteller, der wenige Baureihen über sehr viele Größen ausrollt, statt für jede Nische ein eigenes Profil aufzulegen.

Drei Beispiele quer durch dieses Programm, jeweils Stand 24. September 2026:

Das komplette Programm finden Sie im Markenprofil von Continental; passend zur Saison lohnt daneben der Blick auf unsere Winterreifen für Pkw, und wer zweirädrig unterwegs ist, wird bei den Motorradreifen fündig. Was die Marke technisch ausmacht und wo ihre Schwächen liegen, steht im ausführlichen Porträt der Marke Continental.

Was Sie aus dieser Meldung mitnehmen

Continental verkauft nicht sein Reifengeschäft, sondern seine Läden. Das ist ein wichtiger Unterschied, der in Schlagzeilen gern verschwimmt. Der Konzern trennt sich seit gut einem Jahr systematisch von eigenen Handels- und Servicebetrieben — Irland, Frankreich, jetzt Australien — und behält dabei jedes Mal den Absatzweg, indem die verkaufte Kette Vertriebspartner bleibt.

Für den deutschen Markt gibt es dazu bislang keine Ankündigung. Vergölst gehört unverändert zum Konzern, und über etwaige Pläne hat Continental nichts mitgeteilt. Wer heute Reifen kauft, muss deshalb nichts anders machen als gestern: Entscheidend bleiben Modell, Größe, EU-Label und Preis — nicht die Eigentümerstruktur der Werkstatt um die Ecke. Passende Reifen finden Sie in unserem Shop, montieren lassen können Sie sie in der Werkstatt Ihres Vertrauens.

Häufige Fragen

Werden Continental-Reifen durch den Verkauf schwerer erhältlich?

Nein. Verkauft wurde eine Werkstattkette in Australien, nicht die Reifenproduktion. mycar bleibt laut Continental auch nach dem Eigentümerwechsel Vertriebspartner des Herstellers. Auf das Angebot in Deutschland hat die Transaktion keine Auswirkung.

Gehört Vergölst weiterhin zum Continental-Konzern?

Ja. Vergölst ist seit 1974 eine Tochtergesellschaft der Continental AG und betreibt nach eigenen Angaben mehr als 450 Betriebe in Deutschland. Zu einem Verkauf oder Umbau in Deutschland hat Continental sich in den Mitteilungen zu Irland, Frankreich und Australien nicht geäußert.

Wer ist der Käufer Tuhu?

Tuhu ist eine chinesische Plattform für Autoservice, die online und stationär arbeitet. Nach Angaben von Continental umfasste das Netz zum 30. Juni 2026 rund 8.825 Werkstätten; in den zwölf Monaten bis zu diesem Stichtag nutzten es etwa 31 Millionen Kunden. Für Tuhu ist Australien der Einstieg in einen westlichen Markt.

Schlagwörter: Continental Reifenhandel Branche Übernahme Werkstatt Vergölst

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