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Branche & Markt – Ratgeber im Magazin

Bridgestone wird Alleinausrüster der Formel E: Was der Gen4-Rennpneu kann – und was davon im Regal ankommt

· 5 Min. Lesezeit · von Reifentiefpreis · Aktualisiert am 05.10.2026
Profilierter Rennreifen eines Formelwagens auf nasser Strecke (KI-generiert, OpenAI)
Profilierter Rennreifen eines Formelwagens auf nasser Strecke (KI-generiert, OpenAI)

Am 30. September 2026 hat Bridgestone in Rom die Reifen für die kommende Formel-E-Generation vorgestellt. Ab der Saison 2026/27 beliefert der japanische Konzern die ABB FIA Formel-E-Weltmeisterschaft als alleiniger Ausrüster – und löst damit Hankook ab, das die Serie vier Saisons lang bestückt hat. Für Sie als Autofahrerin oder Autofahrer klingt das zunächst nach reiner Motorsport-Folklore. Es lohnt sich trotzdem ein zweiter Blick, denn ausgerechnet die Formel E fährt auf einem Pneu, der konstruktiv erstaunlich nah an dem liegt, was auf der Straße montiert wird. Und die Zahlen, die Bridgestone in Rom genannt hat, lassen sich sehr gut gegen das halten, was heute tatsächlich im Regal liegt.

Was Bridgestone in Rom gezeigt hat

Vorgestellt wurden zwei Ausführungen. Der Potenza Gen4 ist der Einheitsreifen für den Renneinsatz und soll sowohl auf trockener als auch auf nasser Strecke funktionieren – er wird also nicht wie in der Formel 1 gegen einen Slick getauscht, sobald es abtrocknet. Daneben steht der Potenza Gen4 for Typhoon Tyre, eine eigene Ausführung für Starkregen und stehendes Wasser. Dass eine Rennserie überhaupt einen profilierten Reifen als Standardlösung fährt, ist die eigentliche Besonderheit.

Technisch gibt Bridgestone einen Anteil von 65 Prozent recycelten oder erneuerbaren Materialien je Reifen an. Genannt werden unter anderem Silica aus Reishülsen, Industrieruß aus dem Pyrolyseöl von Altreifen und Naturkautschuk aus überprüften Lieferketten; die Produktion soll vollständig mit erneuerbarer Energie laufen. Die Zahlen und Materialangaben stammen aus der Berichterstattung über die Premiere, unter anderem von e-formel.de über die Gen4-Reifenpremiere in Rom.

Gefordert wird der Pneu von einem deutlich stärkeren Auto: Das Gen4-Fahrzeug leistet nach Angaben von AUTO BILD zur neuen Formel-E-Generation 600 kW (815 PS), hat permanenten Allradantrieb und erreicht bis zu 335 km/h. Die Saison startet im Dezember 2026 und umfasst 21 Rennen bis Juli 2027 – darunter der Berlin E-Prix am 8. und 9. Mai 2027, bei dem Bridgestone zugleich als Titelsponsor auftritt. Der Branchendienst Tyrepress ordnet den Schritt als Rückkehr nach 16 Jahren ohne Engagement in einer FIA-Weltmeisterschaft ein.

Warum ein Formel-E-Pneu näher am Alltag liegt als ein Formel-1-Slick

Ein Formel-1-Reifen ist für Sie als Käufer technisch weitgehend uninteressant: Er ist ein Slick, hält wenige Dutzend Runden, braucht ein enges Temperaturfenster und wird bei Regen komplett gegen ein anderes Produkt getauscht. Der Formel-E-Reifen funktioniert anders. Er hat ein echtes Profil, muss Wasser verdrängen, soll über die volle Renndistanz konstant bleiben und wird auf engen, oft kühlen Stadtkursen gefahren – bei Lastfällen also, die ein Serienreifen in abgeschwächter Form ebenfalls kennt. Genau deshalb beschreiben Hersteller den Transfer aus dieser Serie regelmäßig als praxisnäher.

Eine Warnung gehört aber dazu: „Funktioniert nass wie trocken" heißt im Rennsport nicht dasselbe wie „Ganzjahresreifen" im Straßenverkehr. Der Gen4-Pneu hat keine Winterfreigabe, kein Alpine-Symbol, keine Anforderung an Laufleistung über mehrere Jahre und kein EU-Reifenlabel. Er ist ein Einheitsprodukt für 21 Rennen unter Aufsicht eines Teams von Ingenieuren – kein Reifen, der nach vier Jahren Garagenstandzeit noch bei fünf Grad auf nasser Landstraße bremsen muss.

Auch der Recyclinganteil braucht Einordnung. 65 Prozent im Rennprodukt ist ein beachtlicher Wert, aber eben einer aus einem Umfeld mit Kleinserienfertigung und ohne Preisdruck. Wie weit der Weg von dort in die Großserie ist, zeigt der Continental-Konzeptreifen mit 43 Prozent recycelten Rohstoffen recht deutlich. Welche Rohstoffe dabei überhaupt infrage kommen – von Reishülsen bis Löwenzahn –, haben wir im ausführlichen Ratgeber zu nachhaltigen Reifenrohstoffen zusammengetragen.

Was im Regal unter dem Namen Potenza steht

Der Markenname des Rennreifens ist kein Zufall: Potenza ist seit Jahrzehnten Bridgestones Sportlinie für die Straße. In unserem Sortiment stehen dazu (Stand 1. Oktober 2026) 376 Ausführungen in zwölf Potenza-Modellen. Und hier wird es für die Kaufentscheidung interessant, denn die Daten sagen etwas, das der Rennsport-Glanz leicht überdeckt.

Erstens: Kein einziger Potenza ist ein Winter- oder Ganzjahresreifen. Alle 376 Ausführungen sind Sommer- oder Sportreifen. Der Name steht für Querdynamik, nicht für Wetterunabhängigkeit – anders als beim gleichnamigen Rennreifen, der genau dafür gebaut ist.

Zweitens: Je näher ein Straßenmodell am Rennsport liegt, desto schwächer fällt sein Nässe-Etikett aus. Der Potenza Sport Evo trägt in allen 92 Ausführungen die beste Nasshaftungsklasse A – nachzusehen in der Größenübersicht dieses Modells. Beim älteren Potenza Sport sind es 122 von 162 bewerteten Ausführungen. Der auf Rundstreckeneinsatz ausgelegte Potenza Race dagegen erreicht in keiner seiner 14 Ausführungen Klasse A oder B – elfmal steht dort C, einmal D, zweimal E. Das ist kein Mangel, sondern Auslegung: Die EU-Klasse misst den Nassbremsweg, und ein trockenoptimierter Semi-Slick gibt dort bewusst etwas ab. Nur sollte man wissen, was man kauft – wer den Rennsport-Bezug sucht und beim Trackday-Reifen landet, verschlechtert sein Nassbremsen auf dem Weg zur Arbeit messbar.

Drei lieferbare Beispiele aus diesen drei Stufen, Preise je Stück inklusive Mehrwertsteuer:

Wie sich die beiden Sport-Generationen in Testdaten unterscheiden, haben wir im Datencheck zum Potenza Sport Evo aufgeschlüsselt. Das komplette Sportsegment finden Sie unter Sportreifen für PKW.

Was Sie aus der Meldung mitnehmen

Für Ihre nächste Kaufentscheidung ändert die Premiere in Rom zunächst nichts: Es gibt keinen Serienreifen, der aus dem Gen4-Programm hervorgegangen wäre, und Bridgestone hat auch keinen angekündigt. Interessant ist die Meldung aus zwei anderen Gründen.

Zum einen zeigt sie, wohin die Materialentwicklung läuft. Ein Anteil von 65 Prozent recycelten und erneuerbaren Rohstoffen ist derzeit nur unter Rennsportbedingungen darstellbar – aber was dort funktioniert, taucht erfahrungsgemäß einige Jahre später in Konzeptreifen und dann in Serienmischungen auf. Wer heute wissen will, was 2030 im Regal steht, schaut auf solche Projekte.

Zum anderen ist sie eine gute Gelegenheit, eine verbreitete Verwechslung aufzulösen. Ein Markenname aus dem Motorsport sagt nichts über die Alltagstauglichkeit eines Straßenreifens – weder über die Saison noch über das Nassverhalten. Beides steht auf dem EU-Reifenlabel und in der Kategoriebezeichnung, und beides lohnt den Blick vor dem Kauf deutlich mehr als die Frage, welcher Hersteller gerade welche Rennserie ausrüstet.

Schlagwörter: Bridgestone Formel E Motorsport Potenza Nachhaltigkeit

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