NHS auf der Flanke: Diese Reifen aus unserem Sortiment dürfen nicht auf die Straße
Es gibt Reifen, die dürfen nie eine öffentliche Straße berühren – und sie stehen völlig legal in jedem Reifenshop, auch in unserem. Zu erkennen sind sie an drei Buchstaben, die genau dort stehen, wo bei einem normalen Reifen die Betriebskennung steht: NHS. Wer sie überliest, montiert im schlimmsten Fall einen Rennstrecken-Slick an ein Motorrad, mit dem er anschließend zur Arbeit fährt. Wir haben unser lieferbares Sortiment vollständig durchgezählt – alle 57.410 Artikel, Zeile für Zeile – und uns angesehen, wie groß das Risiko wirklich ist, wo diese Reifen auftauchen, was sie kosten und was das Gesetz dazu sagt.
Drei Buchstaben, die den Reifen von der Straße nehmen
NHS steht für „Not for Highway Service" – sinngemäß: nicht für den Betrieb auf der Straße. Michelin formuliert es in seinem Reifenlexikon unmissverständlich: „Wettkampfreifen tragen in der Regel die Abkürzung NHS (Not for Highway Service). Dies bedeutet, dass diese Reifen nicht für den Straßenverkehr zugelassen sind." (Quelle: Michelin, Motorrad-Reifengrößen ablesen)
Das Tückische an der Kennung ist ihre Position. Ein straßenzugelassener Motorradreifen endet mit seiner Betriebskennung – etwa 120/70 ZR17 58W, wobei die 58 für die Tragfähigkeit und das W für die zulässige Höchstgeschwindigkeit steht. Bei einem NHS-Reifen steht an dieser Stelle schlicht NHS. Das ist kein Zusatz, den man neben der Betriebskennung findet, sondern ihr Ersatz: Ein Reifen ohne Straßenzulassung hat keine zugelassene Höchstgeschwindigkeit, die man angeben könnte, also wird auch keine angegeben.
Genau deshalb rutscht die Kennung durch. Wer eine Produktliste überfliegt, sucht nach Marke, Profilname und Größe – und liest die drei Buchstaben am Ende als eine der vielen Abkürzungen, die auf einer Reifenflanke ohnehin herumstehen, irgendwo zwischen TL, TT und M/C. Dass ausgerechnet dieses Kürzel über die Straßentauglichkeit entscheidet, sieht man ihm nicht an. Der ADAC weist in seiner Information zur Kennzeichnung von Motorradreifen darauf hin, dass Motorradreifen seit Oktober 1998 nach der UNECE-Regelung Nr. 75 genormt sind und dass mit ihrer Einführung die vollständige Betriebskennung eingeführt wurde (Quelle: ADAC, Kennzeichnung von Motorradreifen, PDF). Fehlt sie, fehlt sie aus einem Grund.
Wie viele Reifen die Kennung tragen – und wie sie sich verteilen
Wir haben am 2. Oktober 2026 den kompletten lieferbaren Bestand ausgewertet, nicht nur eine Trefferliste: 57.410 Artikel, jeder einzelne daraufhin geprüft, ob NHS im Produktnamen, im Feld „Last-/Geschwindigkeitsindex" oder im Feld „Kennzeichnungen" steht. Das Ergebnis: 281 lieferbare Artikel tragen die Kennung. Das sind 0,49 Prozent des Sortiments – jeder zweihundertste Reifen.
Bemerkenswert ist schon das Ergebnis der Methodik: Alle 281 Treffer stehen sowohl im Produktnamen als auch im Indexfeld, und kein einziger im Feld „Kennzeichnungen". Die Kennung verhält sich damit anders als etwa MFS oder TL, die im Kennzeichnungsfeld sitzen. Wer in einem Shop gezielt nach NHS filtern will, muss also das Indexfeld lesen – dort ist sie zu Hause.
Die Verteilung über die Fahrzeugklassen ist die wichtigste Information des ganzen Beitrags:
- Motorrad-Straße: 137 Artikel – das sind 6,4 Prozent dieses Regals (2.155 Artikel insgesamt).
- Motorrad-Enduro/Cross: 119 Artikel – 11,5 Prozent von 1.033. Das ist die mit Abstand höchste Dichte.
- Quad- & ATV-Reifen: 14 Artikel – 4,0 Prozent von 350.
- Mofa, Moped und Roller: 5 Artikel – 0,5 Prozent von 965.
- Offroad-Sommerreifen: 5 Artikel – 0,1 Prozent von 5.623.
- Pkw-Sportreifen: 1 Artikel – 0,2 Prozent von 509.
- Pkw-Sommer-, -Winter- und -Ganzjahresreifen, Transporter, Lkw, Anhänger und alle übrigen Rubriken: jeweils 0.
Nach Marken verteilen sich die 281 Artikel so – die Zahlen addieren sich exakt auf die Gesamtsumme: Pirelli 82 · Kenda 33 · Maxxis 30 · Metzeler 28 · Bridgestone 26 · Dunlop 25 · Michelin 18 · Mitas 10 · Continental 7 · BFGoodrich 5 · CST 5 · Duro 5 · Heidenau 3 · Mefo 2 · Cheng Shin 1 · Nankang 1. Dahinter stehen 113 verschiedene Modellreihen. Bemerkenswert daran ist, dass die Liste von Premiumherstellern angeführt wird. NHS ist kein Billigmerkmal und kein Zeichen für schlechte Qualität – im Gegenteil: Ein Rennstrecken-Slick von Pirelli oder Metzeler ist ein hochspezialisiertes Produkt. Er ist nur eben für einen anderen Zweck gebaut.
Einordnung dieser Zahlen: Sie beschreiben unser lieferbares Sortiment am Stichtag 2. Oktober 2026, nicht den deutschen Reifenmarkt. Ein anderer Händler hat andere Zahlen, und morgen können es bei uns ein paar mehr oder weniger sein. Wie stark sich das bewegt, zeigt dieser Beitrag selbst: Bei der ersten Auswertung am 3. September 2026 waren es 292 Artikel, einen Monat später 281.
Der eine Pkw-Reifen – und sein straßenzugelassener Zwilling im Regal nebenan
In der ersten Fassung dieses Beitrags stand an dieser Stelle, es gebe in der Rubrik Pkw keinen einzigen NHS-Reifen. Das stimmt nicht mehr, und die Korrektur ist interessanter als die ursprüngliche Entwarnung.
Genau ein Pkw-Reifen trägt die Kennung: der Nankang AR-1 TRACK ONLY 80V 185/60 R13 NHS für 144,32 €, geführt in der Rubrik Pkw-Sportreifen, lieferbar, Standardmenge vier Stück. Im Feld „Last-/Geschwindigkeitsindex" steht NHS, der Modellname trägt den Zusatz „TRACK ONLY". Ob dieser Artikel am 3. September schlicht nicht lieferbar war oder durch die damalige Auswertung gerutscht ist, lässt sich nicht mehr rekonstruieren – wir sagen das lieber offen, als eine saubere Erklärung zu erfinden.
Für die Praxis ist der Fall ein Lehrstück, weil der passende Gegenreifen direkt daneben steht. In derselben Größe 185/60 R13 führen wir sechs Ausführungen, und vier davon sind straßenzugelassene Semislicks mit vollständiger Betriebskennung: der Nankang AR-1 Sportnex 185/60 R13 80V für 128,47 €, der Nankang NS-2R 84V für 124,39 €, der Toyo Proxes R888R 80V für 120,17 € und der Yokohama Advan A052 80V für 119,58 €. Derselbe Hersteller, dieselbe Größe, dasselbe Einsatzgebiet – einmal mit Zulassung, einmal ohne.
Zwei Dinge daran sind für Käuferinnen und Käufer wichtig. Erstens: Die Version ohne Straßenzulassung ist hier die teuerste von allen. Wer glaubt, man erkenne den nicht zugelassenen Reifen am auffällig niedrigen Preis, irrt in diesem Fall um 16 €. Zweitens: Der einzige sichtbare Unterschied in der Trefferliste ist das Ende der Bezeichnung – „80V" gegen „NHS". Wer beim Überfliegen auf Marke und Modellfamilie achtet, sieht zweimal „Nankang AR-1" und hält beide für dasselbe Produkt. Alle Größen dieser Modellvariante stehen im Übrigen gesammelt auf dem Modellhub zum AR-1 Track Only; wer die zugelassene Alternative sucht, wird in der Rubrik Pkw-Sportreifen fündig. Wie groß dieses Regal inzwischen ist und wie die Semislicks dort technisch einzuordnen sind, haben wir in unserer vollständigen Auszählung des Sportreifen-Regals beschrieben.
In der meistgefragten Motorradgröße ist es gut jeder achte Reifen
Eine Gesamtzahl sagt wenig darüber aus, wie oft man einen solchen Reifen tatsächlich vor der Nase hat. Deshalb haben wir gegengeprüft, wie stark sich die NHS-Reifen in einzelnen Größen ballen – und dabei zeigt sich ein deutliches Gefälle.
120/70 R17: 179 lieferbare Reifen, davon 24 mit NHS. Das sind 13,4 Prozent, also gut jeder achte Treffer. In diese Zählung gehen alle fünf Schreibweisen ein, die im Regal nebeneinander existieren – 120/70ZR17 (114 Artikel), 120/70R17 (48), 120/70-17 (11), 120/70B17 (4) und 120/70 R17 mit Leerzeichen (2). Wer nur eine davon betrachtet, bekommt ein schiefes Bild: In der Schreibweise 120/70R17 allein liegt der NHS-Anteil bei 46 Prozent, in der Schreibweise 120/70ZR17 bei knapp 2 Prozent. Die Rennreifen werden eben überwiegend ohne Z geführt.
Diese Größe ist kein Sonderfall: Nach den Nachfragedaten unseres Shops ist 120/70 R17 die meistgefragte Reifengröße überhaupt – vor 205/55 R16 und damit vor allen Pkw-Größen. Ausgerechnet dort, wo am meisten gesucht wird, ist die Trefferliste am stärksten gemischt. Zum Vergleich die übrigen stark nachgefragten Motorradgrößen: 180/55 R17 117 Reifen, davon 2 mit NHS · 190/55 R17 93 Reifen, davon 5 · 160/60 R17 82 Reifen, davon 5 · 110/70 R17 69 Reifen, davon 2 · 150/70 R17 69 Reifen, davon 0. Und in 205/55 R16, der meistgefragten Pkw-Größe mit 833 lieferbaren Artikeln, ist es erwartungsgemäß kein einziger.
Eine Beobachtung entschärft das Bild allerdings erheblich, und sie ist diesmal belastbar gemessen statt geschätzt: Wer in 120/70 R17 nach Preis aufsteigend sortiert, stößt erst auf Rang 121 von 179 auf den ersten NHS-Reifen – den Dunlop SX GP Racer Slick D212 120/70R17 NHS für 137,41 €. Die 120 günstigsten Reifen dieser Größe, von 60,61 € bis knapp über 130 €, sind ausnahmslos straßenzugelassen. Wer also schlicht das günstige Angebot nimmt, gerät kaum in die Falle. Riskanter ist der umgekehrte Fall: Wer gezielt nach dem sportlichsten Reifen sucht und von oben liest, landet schnell bei Namen wie „Racetec TD Slick".
Es gibt Größen, in denen der Wettbewerbsreifen die Mehrheit stellt
Noch deutlicher wird es, wenn man die typischen Superbike-Hinterradgrößen betrachtet. Dort kippt das Verhältnis vollständig – und das ist der eigentlich überraschende Befund dieser Auswertung.
In 200/65 R17 führen wir sechs lieferbare Reifen. Alle sechs tragen NHS, alle sechs sind Ausführungen des Pirelli Diablo SuperBike, preislich zwischen 305,02 € und 322,53 €. Es gibt in dieser Größe in unserem Sortiment schlicht keinen straßenzugelassenen Reifen – und das ist kein Versehen, sondern Ausdruck dessen, wofür die Größe gebaut wurde: Sie existiert praktisch nur im Rennsport.
In 200/60 R17 stehen 16 Reifen im Regal, 11 davon mit NHS (68,8 Prozent). Die fünf Ausnahmen sind durchweg straßenzugelassene Hochleistungsreifen mit der Kennung 80V oder 80W – Pirelli Diablo SuperCorsa V4, Pirelli Diablo Rosso IV Corsa und Metzeler Sportec 01 RS. Ähnlich sieht es in 190/60 R17 aus: 7 von 11 Reifen tragen NHS. Erst in 180/60 R17 (9 von 31) und 200/55 R17 (6 von 55) normalisiert sich das Bild.
Das Gegenstück dazu steht im Gelände. In 110/90 R19 sind 14 von 50 Reifen NHS-Ware (28 Prozent), in 100/90 R19 17 von 102 (16,7 Prozent) – klassische Motocross-Hinterradgrößen. Die praktische Regel daraus lautet: Je spezialisierter die Größe, desto höher der Anteil nicht zugelassener Reifen. In Alltagsgrößen ist NHS die Ausnahme; in Größen, die fast nur Rennmaschinen und Crossmotorräder fahren, ist es der Normalfall. Wer eine solche Größe sucht, sollte die Betriebskennung bei jedem einzelnen Treffer prüfen, nicht nur stichprobenartig.
Teuer oder günstig? Das kehrt sich von Regal zu Regal um
Über alle 281 Artikel hinweg liegt der Median bei 136,75 €, die Spanne reicht von 24,70 € – dem Kenda K 771 2.50-10 NHS, einem kleinen Crossreifen – bis 625,57 € für einen Michelin Power SuperMoto in 120/80R16. Diese Gesamtzahl führt allerdings in die Irre, denn sie mischt zwei gegenläufige Effekte. Interessant wird es erst, wenn man den NHS-Reifen mit dem übrigen Angebot desselben Regals vergleicht:
- Motorrad-Straße: NHS-Median 212,69 € gegen 131,68 € bei den übrigen 2.018 Straßenreifen. Der Rennreifen kostet hier gut 60 Prozent mehr.
- Motorrad-Enduro/Cross: NHS-Median 68,14 € gegen 101,84 € bei den übrigen 914 Enduroreifen. Hier ist der Wettbewerbsreifen ein Drittel günstiger.
- Quad & ATV: 94,20 € gegen 102,40 € – praktisch gleichauf.
- Pkw-Sportreifen: 144,32 € gegen einen Median von 293,19 € bei den übrigen 508 Sportreifen.
Diese Umkehrung hat einen einfachen Grund, und sie räumt mit einem verbreiteten Missverständnis auf. Auf der Straße ist der NHS-Reifen ein Spezialprodukt für einen kleinen Kreis – Slicks, Regenreifen, Superbike-Mischungen in Kleinserie, oft in Mischungshärten wie SC0, SC1 und SC2 nebeneinander geführt. Im Crosssport dagegen ist der Reifen ohne Straßenzulassung der Standard: Dort fährt ohnehin niemand auf öffentlichen Straßen, und ein Stollenreifen ist technisch deutlich einfacher gebaut als ein moderner Tourenreifen mit Mehrschichtaufbau und Silica-Mischung. Teuer wird ein Reifen nicht dadurch, dass er keine Zulassung hat, sondern dadurch, wofür er entwickelt wurde.
Der Umkehrschluss ist deshalb gefährlich: Ein niedriger Preis ist kein Beleg für eine Straßenzulassung, und ein hoher Preis ist kein Beleg dagegen. Beide Richtungen kommen im Regal vor, wie der Nankang-Fall und der Kenda-Crossreifen zeigen.
Woran Sie einen NHS-Reifen vor dem Bestellen erkennen
Die gute Nachricht: Man muss kein Fachmann sein, um die Kennung zu erkennen. Es gibt drei Stellen, an denen sie sichtbar wird, und eine davon genügt.
- Die Artikelbezeichnung. NHS steht bei uns am Ende des Produktnamens, dort, wo sonst die Betriebskennung steht – etwa beim Metzeler Racetec TD Slick 120/70R17 NHS für 164,43 €. Wenn hinter der Größe keine Zahl-Buchstaben-Kombination wie 58W oder 54T folgt, sondern NHS, ist die Sache klar. Das gilt in unserem Sortiment ausnahmslos: Alle 281 Treffer führen die Kennung im Namen.
- Das Datenfeld „Last-/Geschwindigkeitsindex". In der Übersicht „Auf einen Blick" auf jeder Artikeldetailseite steht bei einem Straßenreifen dort ein Wert wie 58W. Bei einem NHS-Reifen steht dort NHS. Das ist der eindeutigste Test, weil dieses Feld immer gefüllt ist und weil die Kennung – anders als MFS, TL oder POR – niemals im separaten Feld „Kennzeichnungen" auftaucht.
- Der Produkttext. Wir schreiben es zusätzlich aus. Beim Pirelli Scorpion MX Mid Soft heißt es im Beschreibungstext „Reiner Wettbewerbsreifen ohne Straßenzulassung (NHS)", beim Dunlop SX GP Racer Slick D212 „Er trägt die Kennung NHS (Not for Highway Service) und ist nicht für den öffentlichen Straßenverkehr zugelassen — Einsatzgebiet sind Cup-Rennen und Trackdays."
Ein zusätzlicher Anhaltspunkt ist der Profilname selbst. Begriffe wie Slick, MX, Cross, TD (für Track Day), Racing oder GP Racer sind starke Signale – aber eben nur Signale, keine Garantie: Es gibt straßenzugelassene Reifen mit sportlichen Namen und umgekehrt. Verlassen Sie sich deshalb auf die Betriebskennung, nicht auf den Klang des Namens. Wie Sie eine vollständige Motorradreifen-Bezeichnung Zeichen für Zeichen entziffern, erklärt unser ausführlicher Ratgeber zum Lesen der Motorradreifen-Größe.
Eine Stelle taugt dagegen nicht als Prüfkriterium: das EU-Reifenlabel. Sechs der 281 NHS-Artikel zeigen auf der Produktseite trotzdem einen Labelkasten, und zwar durchweg mit der Wertekombination E / E / 79 dB und der Registriernummer 1000000 – also genau dem Muster, das in unserem Katalog „keine Angabe" bedeutet und nicht etwa ein schlechtes Messergebnis. Warum Motorrad-, Roller- und Geländereifen systematisch außerhalb des Etiketts stehen, erklärt der Ratgeber zu den acht Ausnahmen der EU-Reifenlabelverordnung.
Was die Straßenverkehrs-Zulassungs-Ordnung dazu sagt
Dass ein Slick nicht auf die Straße darf, ist keine Empfehlung des Herstellers, sondern ergibt sich unmittelbar aus dem Gesetz – und zwar aus einer Vorschrift, die überraschend eindeutig ist.
§ 36 Absatz 3 Satz 3 der StVZO bestimmt: „Luftreifen an Kraftfahrzeugen und Anhängern müssen am ganzen Umfang und auf der ganzen Breite der Lauffläche mit Profilrillen oder Einschnitten versehen sein." Satz 4 ergänzt, dass das Hauptprofil am ganzen Umfang eine Profiltiefe von mindestens 1,6 mm aufweisen muss; für Fahrräder mit Hilfsmotor, Kleinkrafträder und Leichtkrafträder genügt 1 mm (Quelle: § 36 StVZO, gesetze-im-internet.de). Ein Slick hat definitionsgemäß kein Profil. Er kann diese Anforderung nicht erfüllen – nicht im Neuzustand und erst recht nicht später. Damit ist der Fall für profillose Reifen abschließend geklärt, ganz ohne Blick auf irgendeine Genehmigung.
Bei profilierten Wettbewerbsreifen – etwa den grobstolligen Motocross-Reifen, die durchaus Profilrillen haben – greift ein anderer Absatz. § 36 Absatz 1 Satz 1 StVZO verlangt: „Maße und Bauart der Reifen von Fahrzeugen müssen den Betriebsbedingungen, besonders der Belastung und der durch die Bauart bestimmten Höchstgeschwindigkeit des Fahrzeugs, entsprechen." Genau diesen Nachweis kann ein NHS-Reifen nicht führen. Er trägt keine Geschwindigkeitskategorie und keinen Tragfähigkeitsindex – es gibt also keinen Wert, den man der bauartbedingten Höchstgeschwindigkeit des Motorrads gegenüberstellen könnte. Ein Reifen, der nicht sagt, wie schnell und wie schwer er darf, kann nicht belegen, dass er zum Fahrzeug passt.
Wie bewusst der Gesetzgeber hier vorgegangen ist, zeigt ein Blick auf den übernächsten Absatz. § 36 Absatz 5 StVZO schafft nämlich sehr wohl eine Ausnahme für Spezialreifen – aber nur für zwei genau benannte Gruppen: für Winterreifen im Sinne des Absatzes 4 und für „Geländereifen für den gewerblichen Einsatz mit der Kennzeichnung ‚POR'". Liegt deren zulässige Höchstgeschwindigkeit unter der des Fahrzeugs, gilt die Anforderung trotzdem als erfüllt, wenn ein Schild oder eine Anzeige im Blickfeld der Fahrerin oder des Fahrers auf die niedrigere Geschwindigkeit hinweist. Der Gesetzgeber kennt also das Problem „Spezialreifen passt nicht zur Fahrzeug-Höchstgeschwindigkeit" und hat dafür einen praktikablen Weg eröffnet. Für NHS-Reifen hat er ihn ausdrücklich nicht eröffnet. Diese Lücke ist kein Versehen, sondern die Systematik: Ein POR- oder Winterreifen hat eine Geschwindigkeitskategorie, sie ist nur niedriger als nötig – ein NHS-Reifen hat überhaupt keine. Wo nichts angegeben ist, kann auch kein Schild etwas ausgleichen.
Wenn der Reifen trotzdem montiert wird
Wer einen nicht zugelassenen Reifen an ein zugelassenes Fahrzeug montiert, riskiert mehr als ein Verwarnungsgeld. § 19 Absatz 2 Satz 2 StVZO regelt, wann die Betriebserlaubnis eines Fahrzeugs erlischt: unter anderem dann, wenn Änderungen vorgenommen werden, durch die „eine Gefährdung von Verkehrsteilnehmern zu erwarten ist" (Quelle: § 19 StVZO, gesetze-im-internet.de). Ein profilloser Reifen auf nasser Straße ist der Lehrbuchfall dafür.
Erlischt die Betriebserlaubnis, darf das Fahrzeug auf öffentlichen Straßen nicht mehr betrieben werden – unabhängig davon, ob jemand den Reifen bemerkt. Bei der nächsten Hauptuntersuchung fällt es ohnehin auf, und bei einer Kontrolle oder nach einem Unfall wird der Reifen zum ersten Punkt, den ein Sachverständiger prüft. Wie sich das im Einzelfall auf Ihren Versicherungsschutz auswirkt, hängt von Ihrem Vertrag und den Umständen ab; das lässt sich pauschal nicht beantworten. Wenn Sie ernsthaft überlegen, einen Wettbewerbsreifen auf der Straße zu fahren, klären Sie das vorher mit Ihrem Versicherer – und nicht danach.
Der praktische Rat ist deshalb schlicht: Trennen Sie die beiden Welten sauber. Ein zweiter Radsatz mit Rennreifen für Trackdays ist eine völlig normale, legale und verbreitete Lösung. Was nicht funktioniert, ist der Kompromiss, mit demselben Satz zur Strecke und wieder nach Hause zu fahren.
Nicht jeder NHS-Reifen ist ein Rennreifen
Hier lohnt eine Differenzierung, die in vielen Ratgebern untergeht und ohne die man die 281 Artikel falsch versteht. NHS heißt wörtlich „nicht für den Betrieb auf der Schnellstraße" – und nicht „auf gar keinem Fahrzeug erlaubt". Die Kennung sagt zunächst nur: Dieser Reifen hat keinen Geschwindigkeitsindex und ist nicht für den Straßenbetrieb vorgesehen.
Das trifft auf sehr unterschiedliche Produkte zu. Ein Superbike-Slick für über 300 € und ein kleiner 10-Zoll-Stollenreifen für ein Kindercross-Rad für 35 € tragen dieselben drei Buchstaben aus demselben formalen Grund, meinen aber praktisch sehr Verschiedenes. Unter den 281 Artikeln finden sich reine Motocross-Stollenreifen, Pitbike-Slicks in Rollergrößen, Regenreifen für den Kleinkraftrad-Rennsport wie der Dunlop S-RAIN 120/80-12 NHS für 120,49 €, grobstollige Quad- und ATV-Reifen für den Geländeeinsatz sowie Wettbewerbsreifen für Buggys und Side-by-Side-Fahrzeuge. Für viele langsame Arbeits- und Geländefahrzeuge sind solche Reifen die richtige und völlig unproblematische Wahl – dort stellt sich die Frage der Straßenzulassung gar nicht erst.
Wie weit die Spanne reicht, zeigen drei Beispiele aus dem eigenen Regal. Am unteren Ende steht ein kleiner Crossreifen von CST in 2.50-10 für 34,76 €, dessen Produkttext die Sache nüchtern benennt: „Im Bestand ist der Index ‚NHS' hinterlegt – Not for Highway Service, also keine Straßenzulassung: ausschließlich für den Gelände-/Wettbewerbseinsatz." In der Mitte liegen die Pitbike- und Rollerreifen um 77 €. Am oberen Ende stehen grobstollige Geländereifen wie der BFGoodrich Mud Terrain T/A KM3 30x10.00 R15 NHS für 247,20 € – ein Reifen für Side-by-Side-Fahrzeuge, der mit dem Rennsport nichts zu tun hat und trotzdem dieselbe Kennung trägt. Von dieser Sorte stehen fünf Ausführungen zwischen 245,78 € und 282,19 € im Regal; sie sind die einzigen NHS-Reifen außerhalb der Zweirad- und Quadrubriken.
Die 119 Enduro- und Crossreifen bilden dabei die größte Einzelgruppe nach den Straßenreifen: Motocross ist der Sport, in dem NHS-Reifen der Normalfall sind, weil dort ohnehin niemand auf öffentlichen Straßen unterwegs ist. Entscheidend ist also nicht der Reifen allein, sondern die Kombination aus Reifen und Fahrzeug. Bei einem straßenzugelassenen Quad wird die Sache wieder ernst: Dort gilt dieselbe Logik wie beim Motorrad. Was bei Quad und ATV im Detail zu beachten ist – von der Lagenzahl bis zur Zulassung –, behandelt unser Ratgeber zu Quad- und ATV-Reifen. Und wer zwischen Straße und Gelände abwägt, findet die Abgrenzung im Ratgeber zu Enduro- und Adventure-Reifen.
Was Sie stattdessen fahren, wenn es sportlich sein soll
Der Wunsch hinter dem versehentlichen Slick-Kauf ist ja legitim: mehr Grip, mehr Rückmeldung, mehr Schräglagenreserve. Den bekommen Sie auch mit Straßenzulassung – moderne Sportreifen sind auf der Landstraße jedem Slick überlegen, weil sie bei niedrigeren Temperaturen und bei Nässe überhaupt erst funktionieren. Ein Slick braucht Betriebstemperatur, die er im Alltagsverkehr nie erreicht; kalt ist er gefährlicher als jeder Tourenreifen.
In der meistgefragten Größe 120/70 R17 sind das zum Beispiel der Continental SportAttack 120/70R17 58W, der Metzeler Sportec M7 RR 120/70ZR17 58W oder – wenn es ein sportlicher Tourenreifen sein darf – der Michelin Road 6 120/70ZR17 58W. Alle drei tragen die vollständige Betriebskennung 58W und damit alles, was für den Straßenbetrieb nötig ist. Das gesamte Angebot finden Sie bei den Motorradreifen für die Straße; wer im Gelände unterwegs ist, wird bei den Enduro- und Crossreifen fündig, und für Quads gibt es die Quad- und ATV-Reifen. Begriffe von der Reifenflanke schlagen Sie bei Bedarf im Reifen-Wiki nach.
Unser Fazit ist unspektakulär, aber wirksam: Werfen Sie vor dem Bestellen einen Blick auf das Feld „Last-/Geschwindigkeitsindex". Steht dort eine Zahl mit Buchstabe, ist alles in Ordnung. Stehen dort drei Buchstaben, gehört der Reifen auf die Rennstrecke – und nicht auf Ihre Hausstrecke.
Häufige Fragen
Darf ich mit NHS-Reifen zur Rennstrecke und wieder zurückfahren?
Nein. Die Fahrt zur Strecke findet auf öffentlichen Straßen statt, und dort gelten die Anforderungen des § 36 StVZO unverändert. Transportieren Sie das Motorrad oder wechseln Sie die Räder vor Ort – ein zweiter Radsatz ist die übliche Lösung.
Erkennt man einen NHS-Reifen auch am montierten Rad?
Ja, die Kennung ist auf die Flanke eingeprägt, dort wo sonst die Betriebskennung steht. Bei einem Slick genügt ohnehin der Blick auf die Lauffläche: Fehlen Profilrillen vollständig, ist der Reifen für die Straße ungeeignet.
Gibt es auch Autoreifen mit dieser Kennung?
Ja, aber sie sind extrem selten. In unserem Sortiment war es am 2. Oktober 2026 genau ein Artikel von 57.410 – ein Nankang-Semislick in der Ausführung „Track Only". Die allermeisten Semislicks für den Pkw sind dagegen straßenzugelassen: Sie haben ein Restprofil und tragen eine reguläre Betriebskennung wie 80V.